Maskenball

Entstanden ist die Geschichte während ich 1990 – 93 mein Abi nachgemacht habe. Nebenher verdiente ich mein Geld, indem ich drei Mal die Woche im Sachs, einer Bochumer Szenekneipe bis morgens um fünf als Kellner und Barkeeper Menschen mit Alkohol versorgte.

 

Maskenball

Zitternde Hände. Fahrig schrappt mein Kuli über rautiertes Umweltpapier. Westfalenkolleg, fünfter Block, Deutsch Leistungskurs. Soll mir auf doof eine Geschichte aus den Fingern saugen und irgendwie schriftlich darniederbringen. Und das alles nach diesem Wochenende. Keine Konzentration. Dauernd fliegen mir irgendwelche Suffbilder durch den Kopf.

Verrauchte, stinkende Kneipen, fliegende Fäuste und Kellnertabletts. Besoffene Masken auf dem Aufrisstrip. Glühende Zigarettenstummel in verbrannten, gelben Fingern an wild, erklärend zuckenden Händen in aufgekrempelten Ärmeln. Tösendes Gekreische aus freischwebenden Musikboxen. Rotbemalte Lippen neben selbstgestrickten Pullovern.

Es wird Winter und die Mädels packen sich wieder ein. Man muß wieder seine Greifer einsetzen, um an den Kern zu gelangen. Der Alk weckt die tierischen Triebe. Brauner Tequila macht geil auf braune Haut.

Je später die Nacht oder je früher der Morgen, um so verbissener die drogengeschädigten Versuche, endlich einen Treffer zu erzielen. Die Hauptgewinne wälzen sich schon lange mit ihren Volltreffern in bierschweißigen Umarmungen. Vollgekotzte, nach Urin stinkende Klos, die man zwischendurch immer mal aufsucht hemmen den Charme. Jedes Glas mehr ist wie “Perlen vor die Säue geworfen”. Platzhirsche giften sich an. Schlagen sich um die letzten Perlen unter den Säuen. Warum bleiben eigentlich immer mehr Typen als Frauen übrig?

Danach – völlig dicht – muss man sich noch mit so `nem Taxifahrerarsch um den Fahrpreis für den Nachhauseweg fetzen.

Morgens dann im Erbrochenen aufwachen. Angstschweiß auf der Stirn, der Griff in die andere Betthälfte, ob man sich nicht doch wieder eine schöngetrunken hat. Den ganzen Tag neben sich herlaufen. Baden, Duschen, Zähneputzen, Sportschau. Nur nicht in die Geldbörse sehen.

Abends zitternd, bangend auf die Ausgehzeit warten. Nur nicht zu früh in die Stadt, sonst ist man der erste, der dicht ist. Noch ist eine Nacht Jagdsaison. Der Blick in den Spiegel, die coole Grimasse üben und hinein ins Getümmel.
Alle sehen wieder aus wie frisch geschlüpft. Erst aneinander vorbeisehen und mit jedem Bier, jeder Zigarette wird Kimme aufs Korn gesetzt. Man schießt sich ein. Unterhaltungen über die immer gleichen Themen. Man gibt sich den linken Touch und macht auf einsamer Wolf. Das kommt an.

Ein Treffer! Blattschuß! Szenenwechsel. Taxifahrer blecken Zähne, Trinkgeld hat was.

Atmosphärenwechsel. Was bleibt ist der Mundgeruch. Gierige, zigarettenverbrannte Finger versuchen Zärtlichkeit. Plastikgefühle knacken schweißige Kerne. Vollendetes Leistungsbumsen, jeder gibt alles und alles ist nichts. Marathonlauf. Danach, klopfende Herzen und berstende Schädel. Körperliche Erschöpfung, sonst Nebel und Nichts.

Leere die bleibt.

Komamäßiger Schlaf und beim Aufwachen wieder der luftleere Raum. Schlechter Geschmack im Mund. Trockenheit überall. Mitten in der Wüste, jeder für sich. Küsse, die nicht schmecken und Gossengeruch im Bettzeug.

Kein Herzklopfen, kein Glück.

„Man sieht sich.“ ..oder so. Floskeln – verkaterte Scheiße. Wie hieß SIE noch mal?

Nüchterner Sonntag, normaler Flurschaden nach dem Orkan. Gedankentrümmer, entwurzelte Träume treiben in Pfützen aus schlechtem Gewissen.

Nächste Woche ist wieder alles aufgeräumt, trocken und an seinem Platz. Eine Woche Trümmer räumen und Wiederaufbau. Montags zieht sich Münchhausen mit zitternden Händen aus dem Sumpf aus Gaukelei, Illusion und Drogen.

Aber irgendwie hängt der Schlamm in Kopf und Adern, ist zäh und anhänglich. Die glitzernd, saubere Alltagsschale täuscht. Aber wer sieht das schon…

Jetzt weiß ich’s. Ich werde über einen Maskenball schreiben. Über einen ganz besonderen. Einen, wo unter den Masken, Masken getragen werden. Und um zwölf Uhr nimmt jeder die Maske ab und die Maske ab und die Maske ab und die…

© Andreas Franke

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