Eine Liebe

Es war kalt und die eisige Kälte kroch durch jede Ritze ihrer Uniformen. Das Warschauer Ghetto sollte aufgelöst werden. Der Befehl sorgte für schlechte Stimmung unter den Soldaten. Seit zwei Tagen hallten die Todesschüsse der Erschießungskommandos durch den kalten polnischen Winter.

Er war Kommandant einer dieser Todesbrigaden. Die Opfer kamen in endlosen frierenden Schlangen aus der öden Stadt, mussten ihre Kleider abstreifen und sich, zitternd vor Kälte und Angst, vor der Grube in Stellung bringen. Immer zu zehnt. Nebeneinander warteten sie dort, allein, jeder für sich, hielten sie ihre Hände.

Die jungen Soldaten zielten kurz, bis er das Kommando zum Schuss gab. Getroffen fielen die Geschundenen auf ihre Glaubensbrüder in die Grube, die sie einige Tage vorher unter entsetzlichen Anstrengungen selbst ausgehoben hatten. Dann ging er am Rand des Massengrabes entlang und gab denen, die scheinbar noch lebten, einen gezielten Gnadenschuss. Wenn ein Grab voll war, wurde das nächste eingeweiht. Er hasste diesen Job, aber “er musste halt getan werden”.

Am dritten Tag war sie ihm aufgefallen. Sie stand dort, zitternd, in einer Gruppe ausgemergelter Frauen und Kinder und sah zu ihm hinüber. Ihre schwarzen Augen sahen ihn direkt an. Er nahm ein Stück Brot, ging zu ihr hinüber und hielt es ihr hin.

Sie hatte ihn nicht einmal aus den Augen gelassen, und er hatte ihren Blick erwidert. Als sie das Brot annahm, berührten sich ganz leicht, nur für den Bruchteil einer Sekunde, ihre Finger. Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der in ihm einschlug. Augenblicklich zog er sich zurück, und ging, während er seinen Handschuh über die glühenden Finger streifte, zu seinem Stab.

Den ganzen Tag verbrannten ihre Blicke seinen Nacken, während er Kommandos und Todesschüsse erteilte.

In der Nacht musste er an sie denken, wie sie dort in bitterkalter Dunkelheit hinter diesem Gatter verharrte, unter Ihresgleichen, auf den Tod wartend.

Nie hatte er ein Weinen oder einen Laut des Schmerzes gehört. Die einzigen Geräusche in diesen Tagen waren die todbringenden Salven aus schweren Gewehren oder die vereinzelten Schüsse aus seiner Armeepistole.

 

Langsam stand er auf, zog sich an und stapfte zum Gatter hinauf, das in Blicknähe der Gräber die Übriggebliebenen für den nächsten Tag umzäunte.

Als er sie dort sah, schlaf- und heimatlos, nahm er sie bei der Hand, gab der Wache ein Zeichen und ging bangen Herzens mit ihr in sein Zimmer. Dort fachte er den Ofen an, gab ihr einen heißen Kaffee, und nahm sie zu sich unter die einsame Decke.

 

Kein Wort fiel in dieser Nacht, in der die beiden, Arm in Arm, fest umschlungen, auf den Morgen warteten. Er weinte und sie trocknete seine Tränen als er sich zitternd an sie schmiegte.

Am Morgen war sie verschwunden. Doch im Bett hatten ihr Duft und ihre Wärme überlebt. Als er ans Gatter kam, sah er sie wie am Vortag unter den ihren hocken, und ein ewiger Stein legte sich in seinen Magen.

Am späten Nachmittag, die Sonne färbte das weiße Land blutrot, war sie an der Reihe.  Keine Sekunde lang hatten sich ihre Blicke an diesem Tag verloren, und als sie dort nackt und unschuldig, zitternd vor ihm am Grabesrand stand, nahm er einem seiner Soldaten das Gewehr aus der Hand, stellte sich ihr gegenüber, legte an und als sie Aug´in Aug´dort standen, lächelte sie.

Ein zartes, kleines, zitterndes Bewegen ihrer Mundwinkel und die Zeit stand für einen Moment still.

Als sie bereit waren, drückte er ab. Wie in Zeitlupe zerriss das Projektil ihre Brust und warf Ihren weißen Leib hinunter zu den anderen, die sie, wie ein Fluss einen Regentropfen, in ihr kaltes Bett nahmen.

In dieser Nacht hielt er Totenwache. Er nahm ihren gefrorenen Körper in seine Arme und sah in ihre toten, schönen Augen, und es war ihm, als lächele sie ihn immer noch an.

Am zweiten Abend hatten sich kleine glitzernde Blätter auf ihrem Leichnam ausgebreitet und im Mondlicht erschien ihm seine Liebe wie ein Engel, und er wusste, dass er nie wieder eine andere Frau ansehen würde.

In der dritten Nacht hatte ein feiner, eiskalter Wind sie in eine Decke aus feinem pulverigen Schnee gehüllt und ihre schwarzen Augen, tot und leidend, brennend und liebend, sahen zu ihm auf. Dieses Bild brannte sich für immer in seine Seele. Ein letztes Mal stieg er hinunter, über die gefrorenen Körper hinweg zu ihr, und sah sie an.

Seine ewige Liebe, Tränen froren zu Eis und fielen wie kleine Diamanten hinunter auf ihr schönes Gesicht, zersprangen dort zu Kristallen und wurden vom eisigen Wind mit all den anderen Myriaden Tränen vereint, die in diesen Tagen über eine tote Welt wehten.

Am nächsten Tag wurden sie abberufen und durch einen neuen Haufen Mörder ersetzt.

Sie aber war von nun an seine ständige Begleiterin. Nie mehr war er ohne sie. Er suchte sich nach dem Krieg eine kleine abgeschiedene Wohnung und eine Arbeit als Pförtner, um so mit ihr allein zu sein.

Er kaufte ein geräumiges Ehebett, deckte den Tisch immer für zwei, las Ihr morgens aus der Zeitung vor und machte ihnen abends ein warmes Essen. Dann legten sie sich gemeinsam zu Bett und schmiegten sich fest aneinander.

Er war glücklich. Manchmal nahm sie ihn nachts mit auf lange Reisen in ferne Länder, die er noch nie gesehen hatte, oder tanzte mit ihm auf lautlosen Partys mit eigentümlichen Gästen in den frühen Morgen.

Er liebte sie und manchmal meinte er, der einzige Mensch zu sein, der jemals geliebt hatte in dieser grausamen Welt.

So wurde er alt mit seiner großen Liebe, oder …er wurde alt, denn sie war immer schön und ihre Augen hatten ihren Glanz von damals nicht verloren.

Er brauchte jetzt nicht mehr zu arbeiten und verbrachte so immer mehr Zeit mit ihr. Nachts erzählte sie ihm Geschichten von einem Volk, das vertrieben, verfolgt und getötet wurde. Dann musste der alte Mann weinen. Und sie weinte mit ihm und sie hielten sich fest, ganz fest umschlungen. Nahmen sich bei den Händen und versprachen sich, nie auseinanderzugehen.

Eines Nachts nahm sie den alten Mann wieder einmal mit auf eine Reise in ein schönes Land an einem weiten Meer, wo die Sonne schien und sie glücklich waren.

… und dieses Mal blieb der alte Mann dort.

Meldung im Stadtanzeiger: ” Gestern wurde die Leiche eines älteren Mannes gefunden. Er musste schon länger dort gelegen haben, denn die Nachbarn ließen die Wohnung erst öffnen, als ihnen starker Verwesungsgeruch aufgefallen war.

In der Wohnung fand man den Abendtisch – gedeckt für Zwei. Er war festlich geschmückt, mit Kerzen und gutem Wein. Weiterhin wurden hunderte  - teils jahrzehntealte teils neue – Reiseprospekte von Israel gefunden. Und Zeichnungen gab es. Ungelenk und amateurhaft, immer das gleiche Motiv: Das Gesicht einer dunkelhaarigen Frau. Mit schwarzen traurigen Augen und einem zarten, kleinen, zitternden Lächeln.”

(C) Andreas Franke

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