Heimkehr

Heimkehr!

Regen! Seitdem der Alptraum Wirklichkeit geworden war, regnete es. Anders als vorher. An jenem Tag wurde der Regen schwarz.

Als der Mann W. erreicht, wundert er sich. Nahezu alles ist wie damals. Auf dem Parkplatz vorm Supermarkt tanzt eine Windhose ihre pfeifende Kür, dreht Pirouetten, verneigt sich vor leeren Rängen und vereinigt sich mit Papierfetzen, Exkrementen und Tierkadavern zu einer wirbelnden Polka. Die Eingangstür der Eisdiele schlägt auf und zu, so als wolle sie ihn hereinwinken.

Erinnerungen an Sonne und Erdbeereis, Mofatreff und Kontakthof pickeliger Teens. Vorbei … am Kindergarten, der später auch Jugendtreff war. Erste Eroberungen, Räusche und Niederlagen. Damals wohnte der Geruch der Begierde und Wollust unter den Sträuchern und Bäumen die den “Sündenpfuhl” von der Straße trennten.

Heute giert nur der eisige Wind nach den letzten Blättern entlaubter Bäume. Morgendämmerung und Nebel, der wie ein Wattebausch langsam hinauf ins Zwielicht gezogen wird. Der Blick wird frei auf farblose Wirklichkeit und bunte Erinnerung. Jeder Schritt vorwärts ist auch einer zurück in der Zeit.

Der Mann hasste die Morgendämmerung. Diese Spanne, in der die Nacht dem aufkommenden Tag weichen muss. Alptraumzeit! Grau-enhaft. Er liebte die Nacht! Schon immer gehörte er dieser anderen Welt an. Als Kind schmökerte der Mann nachts heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke in Büchern, um dann tagsüber die Augen zu schließen und seine Träume zu leben.

Dunkelheit bedeutete für ihn die Festung der Sinnlichkeit – des Schwebens. Nachts erwachten Vampire aus ihren Tagträumen, um sie in der Welt des künstlichen Lichts mit Leben vollzusaugen. Wenn die Korrektheit zu Bett ging, stieg Atlantis aus den Fluten des Vergessens und seine Gassen und Plätze füllten sich mit Träumern, Gnomen, Feen, Verlierern und Helden. Sex, Drugs and Rock`n Roll in der Interzone.

Das Grau der Dämmerung, geräusch- und farblos wie der Tod, beendete den Spuk. Die Kreaturen der Nacht flüchteten in ihre Höhlen und die Welt des Geldes, der Macht, der grauen Anzüge und der Vernunft begrub Atlantis unter den Wellen aus Pflicht und Gehorsam.

Seit der Alptraum Wirklichkeit geworden war, gab es keine Träume mehr, keine Farben, keine Vernunft und kein Geld. Dämmerung, Tod und Stille halten die Welt in ihrer eisigen Umklammerung.

Langsam, schlurfenden Schritts erreicht der Mann die Trabantenstadt. Achtzehn Jahre, sein halbes Leben zwischen eiligst hochgezogenen Betonsilos.

Wirtschaftswunder, die Eisenhütte in H. brauchte Frischfleisch, lebenden Brennstoff um ihn im Stahl- und Walzwerk oder im Hochofen zu verheizen. Jeweils vierundzwanzig Streichhölzer mit Familie in sechsstöckigen Streichholzschachteln. Feuer für die dicken Zigarren der Industriebarone. Hier also überlebte er seine Kindheit, bis er soviel Geld verdiente, um sich aus seinem Kellerloch in andere Löcher zu fliehen.

Der Blick des Mannes der einmal Kind war, wandert über die Schemen, die sich einfältig vor ihm erheben. Gardienen wehen aus fensterlosen, schwarzen Höhlen. Kalt läuft ihm der Schweiß über den gekrümmten Rücken. Er spürt die Blicke aus tausend toten Augen in schwarzen Höhlen hinter wehenden Gardienen. Nun betritt der Heimgekehrte sein Haus. Der Aufzug funktioniert nicht.

Als der Alptraum Wirklichkeit geworden war, verstummten Radios, Fernseher, Polizeisirenen. Alle Autos, Glühbirnen, Beatmungsgeräte und Telefone vergaßen ihren Auftrag. Alle Computer, Faxe, E- Gitarren versagten und alle Aufzüge verloren den Sinn ihrer Bestimmung.

Stufe um Stufe nähert er sich der alten Wohnung. Vorbei an offenen Türen und zerstörten Möbeln in den vierten Stock. Zuerst sieht er den Hund. Er liegt im Eingang.

Immer, wenn er zu Besuch kam stand er bellend am Aufzug, wedelte mit dem Schwanz und bekam fast eine Herzattacke vor Freude.

“Auch heute begrüßt du mich zuerst Alter”, sagt der Mann und beugt sich hinunter, fährt langsam mit seinen nagellosen Fingern durch stumpfes Fell. Der Hund lächelt sein totes Lächeln, mit heraushängender Zunge und gelben Zähnen blickt er gebrochenen Auges in seinen Hundehimmel. “In welcher Welt hast du deine Erlösung gefunden?” Der Mann setzt sich neben den Kadaver. Mechanisch streicheln seine Hände immer wieder über den leblosen Körper, bis er sich müde erhebt um seine letzte Pilgerfahrt fortzusetzen.

Als der Alptraum Wirklichkeit geworden war, fielen ihm zuerst die Haare aus, dann folgten, einer nach dem anderen, die Finger- und Fußnägel. Seine Haut löste sich vom Fleisch und Zähne flohen seinem “strahlenden” Körper. Er hatte dieses “live fast, die young”-Gefühl sosehr verinnerlicht, dass er immer schon mit dem Wissen um einen frühen Tod gelebt hatte.

Nie konnte er den Hals vollkriegen. Immer war er der Erste, der die Bühne der Nacht betrat und der Letzte der sie verließ. Seine Ahnung hatte sich bewahrheitet, er würde seinen Siebenunddreißigsten nicht mehr erleben. Wer hätte auch mit ihm feiern sollen? Keiner war mehr da.

Sie müssen alle in den Keller geflüchtet sein, als es losbrach. Ohne Eile macht der Mann sich auf den Abstieg. Je näher er seinem Ziel kommt, umso stärker wird der Gestank. Überall wimmeln Ratten. Große, struppige Gesellen, die über Nacht ins Schlaraffenland gebeamt worden waren.

Im Erdgeschoß ist der Gestank so unerträglich, dass der kranke Mann auf den weiteren Weg verzichtet. Von zu Vielen schon hatte er in den “letzten Tagen” Abschied nehmen müssen und keiner konnte seinen Gruß erwidern.

“Seit drei Tagen spucke ich Blut“, sagt der Heimkehrer laut, “genau so lange, wie ich für den Weg nach W. benötigte!” Seine eitrigen Augen blicken hinüber nach H., der Hauptstadt, deren Bauten sich dort hinten auf dem Berg dunkel gegen den “strahlenden Himmel” abzeichnen.

“Bevor der Alptraum Wirklichkeit wurde, hatte ich dort in H. einen Sohn. Ich habe ihn schon lange nicht mehr besucht – verdammt lange nicht.”, denkt sich der Sterbende und der Mann, der einmal Vater war, beginnt zu lachen. Erst leise, fast stumm, dann lauter und immer lauter ergießt sich dieses Lachen aus seiner Kehle, bis es in einem nie enden wollenden Schrei untergeht, der ungehört, nie ausgestoßen im Zwielicht der Zeitlosigkeit unsterblich wird.

© Andreas Franke 2018

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