Die wunderbare Wichtelwelt

Die wunderbare Wichtelwelt

(eine Geschichte für alle, die an Wunder glauben)

Diese Geschichte basiert auf Comicfiguren, die der Cartoonist Jörg Lassahn (www.cartoonexpress.de) erfunden hat. Die Namen und Charaktere der Wichtel stammen von ihm. In gemeinschaftlicher Arbeit wurden die Häuser in der Wichtelwelt entwickelt. Die wunderbare Wichtelwelt gab es als DVD-Adventskalender und als Website (www.wunderbare-wichtelwelt.de),  die leider nicht mehr besteht. Ich sollte mir damals eine Geschichte ausdenken, die die Entstehung der Wichtelwelt erklärt und die Charaktere einbindet.  Die Geschichte wurde nie veröffentlicht. Da sie mein eigenes Gedankengut ist und ich sie nach wie vor sehr schön finde, stelle ich Sie heute hier ein. 

 

Benny

Es war Nacht. Benny lag wie so oft in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Schlimme Träume plagten ihn, von feuerspeienden Drachen und hungrigen Wolfsrudeln, die ihn durch die fremde Wohnung jagten.

Nach solchen Träumen lag Benny dann immer schwitzend im Bett. Aus lauter Angst machte er dann sein Nachtischlämpchen an und schaute erst mal unterm Bett und in seinem Schrank nach, ob nicht irgendwo noch ein verirrter Drachen oder Wolf lauerte.

Meistens schlief er dann bei eingeschaltetem Licht wieder ein, bis der Wecker klingelte oder ihn seine Mutter weckte, um ihm zu sagen, dass er wieder einmal verschlafen hatte. Und das tat er oft, seitdem sein Vater nicht mehr da war.

Irgendwie fühlte sich Benny immer öfter allein gelassen von seiner Mutter und er hatte den Eindruck, dass sie nicht mehr die gleiche Mama war, wie früher, als sie noch eine richtige Familie waren.

Jetzt war sie oft abends nicht zu Hause und Benny musste sich sein Abendessen selber warm machen. Danach schaute er noch etwas fern oder spielte mit seinen doofen Spielsachen, die irgendwo im Zimmer herumlungerten.

Das allerschlimmste aber war, dass Benny keine Freunde mehr hatte, seitdem sie in diese bescheuerte Stadt gezogen waren und in dieses kalte Hochhaus. Benny fand, dass die letzten Monate entschieden zu stressig waren, für die zarte Seele eines 8-jährigen Jungen.

Und so strafte er seine Mutter mit schlechten Noten, mieser Laune und langem Schlafen. Sollte sie doch sehen, wie sie ihn wach und rechtzeitig in die Schule bekam!! Ach ja, und sein Zimmer räumte er auch nicht mehr auf. Das hatte sie nun davon, dass sie ihn aus seiner kleinen warmen Welt gerissen hatte. Und wenn sie sich noch so sehr mit Eis und Schokolade bei ihm einschleimte – er würde es ihr so schwer wie möglich machen, sich hier wohl zu fühlen. Das hatte er sich geschworen – beim Leben seiner letzten Milchzähne!

 

Tiki, Flinn und Puck

Eines Abends war Benny wieder einmal alleine zu Hause. Er lag zitternd in seinem Bett und hatte Angst aufzustehen. Der alte Nachttischlampen-Trick funktionierte nicht. Denn die doofe Birne hatte sich direkt nach dem Einschalten mit einem lauten Knall verabschiedet. Jetzt war es stockdunkel um ihn herum und er traute sich nicht, seine Füße unter der Bettdecke weg zu bewegen. Denn wer wusste schon, ob nicht noch irgendeine Puffotter unter seinem Bett wartete, um ihm den dicken Zeh abzubeißen. Auch wenn er seine Füße schon lange nicht mehr gewaschen hatte und sie bis zu ihm hoch nach Fußschweiß dufteten. Niemand wusste genau, ob dieser Geruch die gemeine Puffotter auch wirklich abschrecken würde.

„Bitte“, flüsterte er inbrünstig, „kann mich jetzt nicht irgendein Wunder in einen Vogel verwandeln? Dann könnte ich schnell ins Bad fliegen, ohne die Füße auf den Boden setzen zu müssen.“

Plötzlich riss Benny vor Schreck die Augen auf. Irgendetwas tapste unter der Bettdecke auf seinem Bauch herum, begleitet von gedämpften Stimmen.

„Oioioi, wo sind wir denn jetzt schon wieder hingeraten?“

„Sei still Puck! Ich glaube, wir sind durch ein wichteliges Wurmloch geflutscht.“

„Flinn? Puck? Was machen wir denn hier? Und was ist das für ein wummern? Hört sich fast so an, als würde da irgendjemand ganz schön Angst haben.“

„Ach Tiki, du bist auch da. Da bin ich aber froh. Oioioi. Meinst du, wir müssen mal wieder jemandem aus der Patsche helfen?“

„Mach‘ doch mal einer Licht an! Ist ja stockdunkel hier! Und – Puuhh – riecht das hier nach Schweißfüßen. Zu wem gehören die denn wohl? Haaallllooo!!!!“

Benny stockte der Atem, als sich die drei kleinen Wesen langsam nach oben bewegten. Er fasste allen Mut zusammen und sagte zaghaft: „D… die Füße g … gehören mir, B … Benny! W … wer seid ihr? W … wollt ihr mich holen?“

Kleine Händchen patschten tastend durch sein Gesicht. „Fühlt sich an, wie eine dicke Nase!“

„Ich hab‘ gar keine dicke Nase!“ antwortete Benny beleidigt.

„Und diese kleinen Öhrchen … wie putzig!“

„Tiki, jetzt reicht’s! Hier riechts nicht nur nach Füßen … hier muss irgendwo auch ein Mund sein, dem Mundgeruch nach zu urteilen.“

„Stimmt! Ich habe da gerade auch etwas gehört, das wie Worte klang … Hihihi, wenn man sich die klappernden Zähne wegdenkt.“

„Oioioi, da scheint aber jemand Angst vor uns zu haben!“

Benny nahm seinen ganzen Mut zusammen, atmete tief durch und sagte: „Ich hab‘ aber keine Angst!“ und weil er gerade mal dabei war, denen seine Meinung zu sagen, fügte er noch hinzu: „Und keinen Mundgeruch!“

„Sieh mal einer an, da ist aber einer ein wichteliger Lügner. Wann hast du dir denn das letzte Mal die Zähne geputzt? Hmm?“ Ein kleiner Finger pickte Benny auffordernd in die rechte Backe.

„Hmmm…“ überlegte Benny „… wenn ich‘s mir recht überlege, genau vor 3 Tagen. Da gab‘s nämlich Fleischwurst mit Knoblauch. So, und wer sagt jetzt, ich sei ein Lügner und hätte mir die Zähne nicht geputzt?“

„Ich, Flinn! Und jetzt sag‘ uns mal, wo hier das Licht angeht! Ich will nicht mehr im Dunklen tapern. Hinterher rutsche ich noch auf deinem Angstschweiß aus!“

„D … die Birne ist gerade kaputt gegangen! Direkt nach meinem Traum …“

„Oioioi, da hat aber einer einen wahnsinnig wichtelig grausligen Traum gehabt … oioioi, beim großen Oberwichtel!“

„Hm, Flinn? Puck? Was meint ihr? Da können wir ihn nur mit zu uns nehmen. Da scheint gerade die Sonne und wir können uns unser ängstliches Schmuckstück hier mal im Hellen betrachten.“

„W ..wie? I … ich s … soll m … mit z … zu Euch k… kommen?“

„Jetzt mach‘ dich mal nicht in die Hose, junger Freund. Bei uns passiert dir nichts. Und ein paar neue Leute kennen zu lernen, würde dir mal ganz gut tun!“

„Und hör‘ endlich auf zu stottern! Ist ja nicht mit anzuhören! Sei mal ein starker Junge! Du bist doch ein Junge, oder?“

„Mensch Tiki, natürlich ist das ein Junge. Benny ist doch ein Jungenname. Nur Angst haben, tut er wie ein Mädchen!“

„Flinn, sei still. Sonst zeige ich dir mal, wie ängstlich ein Mädchen ist – so wahr ich Tiki heiße und auf jeden Baum klettern kann, zwischen Wuselwald und Waselwuld!“

„Schon gut, schon gut, Tiki! Also Benny, kommst du jetzt mit oder nicht?“

„Ok! Aber ich muss morgen in die Schule!“

„Kein Problem. In der wunderbaren Wichtelwelt gehen die Uhren anders als bei euch.“

„… nämlich manchmal gar nicht. Oder zu spät“ Oioiooi oder zu früh!“

„Puck, sei still! Lasst uns jetzt hier verschwinden, bevor ich noch länger im Dunklen tappe!“

Benny wollte sich noch nicht so ganz geschlagen geben und etwas Zeit zum Überlegen gewinnen. Also fragte er: „Wunderbare Wichtelwelt? Nie gehört! Wie kommt man denn dort hin?“

„Ganz einfach und ohne die Füße auf den Boden stellen zu müssen! Du musst nur die Augen ganz fest schließen und drei Mal hintereinander sagen:

1, 2, 3 wichtelige Wichtelei – wunderbare Wichtelwelt komm‘ herbei!

Und schon bist du dort. Also, gehen wir jetzt, oder willst du hier im Bett festwachsen, du Angstbeule?“

Angstbeule? Das hatte noch niemand zu Benny gesagt! Und schon gar nicht wollte er sich das gefallen lassen. Also schloss Benny ganz fest die Augen und sagte drei Mal hintereinander:

„1, 2, 3 wichtelige Wichtelei – wunderbare Wichtelwelt komm‘ herbei!

Und dann begann sich alles um ihn herum zu drehen und Benny wurde immer kleiner.

 

Mützelbach am Wuselwald

Als Benny die Augen aufschlug wurde es gleißend hell um ihn herum und warmes Sonnenlicht streichelte seine Haut. Er musste mit den Augen zwinkern, um sich an das helle Tageslicht zu gewöhnen. Um sich herum hörte er ein wohlig wuseliges Wuseln und er fühlte sich sofort wohl. Langsam öffnete er weiter die Augen und blickte sich staunend um. Offensichtlich war er auf einem Marktplatz gelandet und um ihn herum herrschte geschäftiges Treiben. Eingerahmt wurde der Marktplatz von merkwürdig aussehenden Häusern und kleine Bautrupps arbeiteten fleißig an weiteren eigentümlichen Häusern.

„Oui, was aben wir denn da? Ein nacktes Menschlein!“

Schnell drehte sich Benny um und stockte. Drei kleine Lebewesen mit langen spitzen Ohren, großen schlauen Augen und witzigen Mützchen auf dem Kopf lachten ihn an. Benny blickte an sich herunter und … ach du Schreck … sein Schlafanzug war weg! Den musste er bei seiner Schrumpfaktion im Bett vergessen haben.

„Und jetzt werde ich auch noch rot“ ärgerte sich Benny und versuchte sich so hinzustellen, das niemand was sah. Aber schon bekam er von einem ältlichen Gesellen mit einem langen Bart einen Anzug hingehalten.

„Ier Mon Cher, der dürfte passöön. Ischöh abe schon langö füröh keine Menschliieng mehr Hot Cotür machen dürfön. Der letzte atte … nun ja … sagen wirö mal … genau deinö Gröss‘! Ach so, ätte ischö fast vergessön mischöh vorzustellön. Voila, ischöh bin Schnitl, der Schneidöörwischtöl. Der bestö Schneidöör, wem‘s gefällt, in der ganzöön Wichtelwelt!“

Sprachs und mit einem „Oui Oui, muss mischö mal wiedör um meinö Kundschaft kümmöörn ….“ verschwand der Schneiderwichtel in der Menge.

Schnell zog Benny die Sachen über und wahrlich, sie standen ihm so gut, als wären sie geradewegs für ihn gemacht. Mit einem stolzen Lächeln schaute er sich nun seine neuen Freunde mal genauer an.

Aber schon zückten sie ihre kleinen Händchen und sprachen durcheinander:

„Ich bin dierPuFliTikl….“

„Ok, ok“, antwortete Benny. Immer Einer nach dem Anderen.“

„Also gut, der Pimpf da, das ist der kleine Puck. Er ist der jüngste von uns und hat immer nur Unsinn im Kopf. Deshalb passt er im Wichtel-Kindergarten nie beim Schreiben und Lesen auf. Jetzt guck mal nicht so ungescheit, Menschling! In der Wichtelwelt lernen die Kleinen Zahlen, Buchstaben und Wörter schon im Kindergarten. Puck ist außerdem sehr voreilig und bringt uns mit seiner tollpatschigen Art oft in arge Bedrängnis. Und wenn du seinen komischen Wichtelgang siehst, denkst du bestimmt, Puck kann noch nicht mal richtig laufen. Aber Pustekuchen! Puck ist immer als Erster dort, wo er eigentlich nicht sein sollte – mittendrin im Schlamassel.“

Puck bekam einen etwas roten Kopf und blickte schuldbewusst zu Boden. Aber nicht lange, dann umspielte ein Lächeln seinen Mund und er sagte frech:

„Ihr müsst mir ja nicht ständig hinterher kommen! Und? Wer hat denn den Menschling hier gefunden? Ihr oder Ich?“

„Schon gut, schon gut“, lachte Tiki mit einem Augenzwinkern, „du bist doch unser Bester!“

Puck schaute Benny siegessicher an: „Ja Menschling, da staunst du, was? Ich habe dich gefunden! Weil ich dein Wimmern gehört habe! Aber mir wollte ja mal wieder keiner glauben, dass da jemandem geholfen werden muss!“

Bevor Benny etwas entgegnen konnte, fuhr Tiki fort:

„Und der da, das ist Flinn. Flinn fühlt sich immer sehr erwachsen – obwohl er, wie wir, noch im Wichtelkindergarten ist. Aber zum Erwachsenwerden fehlen ihm noch rund 100 Wichteljahre.“

Flinn versuchte zu gucken, wie ein Erwachsener. Er kratzte sich am Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Da hilft es auch nichts, wenn er beim Reden immer die Arme verschränkt, nur, um älter zu wirken“, sprach Tiki weiter, „ aber handwerklich, ist Flinn der geschickteste Jungwichtel in der ganzen Wichtelwelt.“

Flinn nickte bestätigend und spannte angeberisch seine Oberarmmuskeln an.

„Jetzt mach‘ mal halblang, Flinn. Wo bei dir Muskeln sein sollen, ist momentan noch reichlich viel frische Wichtelluft. Aber ok, du bist ein Meister darin, in den schwierigsten Situationen ein Werkzeug herzustellen, das uns wieder aus der Patsche hilft … falls wir mal sehr selten in eine reinkommen.“

Flinn machte einen gewichtigen Schritt nach vorne und stellte sich mit verschränkten Armen in Positur.

„Und dieses Wichtelmädchen da, das ist Tiki. Sie ist … hmnja … die tollste Wichtelfreundin, die man haben kann.“

Flinn wurde gaanz leicht rot im Gesicht und Tiki schaute schüchtern zu Boden. Aber schon war Flinn wieder ganz der Alte und fuhr fort:

„Und das Beste: Sie hat immer einen frechen Spruch auf Lager, wenn einem selber gerade nix einfällt. Was sie auch noch besonders gut kann, ist immer wieder neue Wege aus dem Wichtel-Kindergarten zu fi….. ähhh …. Also, Tiki ist auch fürchterlich stark. Und das ist sehr wichtelig! Denn sie muss unserem kleinen Puck hier öfter mal vor den größeren Wichteln beschützen, die den Kleinen gerne mal auf die Schippe nehmen.“

Tiki wartete. Als nichts mehr kam, ergänzte sie: „ Das ist noch nicht alles, lieber Flinn! Ich bin auch noch Wichtelmeisterin im Klettern und Raufen. Dabei macht mir keiner so schnell was vor!“

Sie machte eine geschickte Drehung und warf Flinn mit einem gekonnten Schwung zu Boden.

Bewundernd schaute Benny Tiki an. „Die ist ja süß! Ach je, wenn es so ein tolles Mädchen doch bloß zu Hause in meiner Klasse gäbe.“

Als Tiki ihn herausfordernd anschaute, sah er schnell weg. „Wo sind wir eigentlich hier?“

„In Mützelbach am Wuselwald“, entgegnete Tiki. „Komm, wir führen dich mal ein wenig herum.“

 

Das Herz am rechten Fleck

„Siehst du das Haus da vorne? Das so aussieht, wie eine riesige Schatzkiste?“ fragte Tiki.

„Das ist die krümelige Kekskasse“, fiel ihr Puck frech in die Parade, „da kannst du deine Kekstaler eintauschen!“

„??? Was sind denn bitte Kekstaler?“ fragte Benny und schaute in die Runde.

„Das ist unsere Währung, hier in der Wichtelwelt. Hier wird alles mit Kekstalern bezahlt!“ sagte Flinn wichtig.

„Und wie kann ich mir die verdienen?“

„Ganz einfach! Indem du Sammelsachen umtauschst oder den Wichteln irgendwie hilfst. Weil, wir Wichtel tun seit Anbeginn der Zeit nichts lieber, als anderen zu helfen!“ predigte Flinn.

„Und wir Wichtel sind nicht nachtragend und falsch!“ ergänzte Tiki stolz.

„Und wir sagen immer die Wahrheit!“ Puck spreizte drei Finger ab „Ich schwöre!“

„Ja, und alle, die als Fremde hier in die Wichtelwelt kommen, sagen: „Die Wichtel, die haben ein Herz aus Gold!“ philosophierte Flinn mit stolzgeschwellter Brust.

Und Puck ergänzte: „Ja, wir Wichtel haben das Herz am rechten Fleck!“

„Genau, wo Menschen ihr Herz links haben, ist unser Herz auf der rechten Seite. Und dort, wo es schlägt, haben wir eine kleine helle Stelle auf der Haut: das ist er rechte Fleck. Und es stimmt: Unsere Herzen sind aus purem Gold. Und wenn wir niederträchtig, bösartig, habgierig, nachtragend oder falsch sind, dann werden unsere Herzen zu Stein.“ erklärte Tiki mit ernstem Blick.

„Oioioi … genau, wie das vom Bösewichtel!“ ergänzte Puck. Und um seine wichtelige Aussage zu unterstreichen, nickte er wild mit dem Kopf.

„Echt wahr? Kann doch gar nicht sein!“ Ungläubig schaute Benny in die Runde.

„Ok, nimm dich als Beispiel. Du siehst anders aus als wir. Du hast zum Beispiel eine dicke Nase und fürchterlich kleine Ohren. Und kleine Augen. Und du kommst nicht aus der Wichtelwelt. Du bist quasi ein Ausländer ohne Geld und gültigen Pass.“ entgegnete Flinn.

„Stimmt, bin ich.“

„Und, hat dich hier irgendjemand komisch angeschaut?“

„Nein.“

„Hat dich jemand gehänselt, weil du anders aussiehst als wir?“

„Nein!“ Benny schaute schuldbewusst, weil er wusste, wie es in der Menschenwelt zugeht. Und er fragte sich im Stillen, ob sein Herz sich wohl schon in einen Stein verwandelt hatte.

„Siehst du! Wir Wichtel haben einen freien Geist und wir lieben jeden, der zu uns kommt, als wäre er unser Freund. Oberwucht, der Oberwichtel sagt, dass unsere Liebe ganz tief im Universum verwurzelt ist und wir sie bewahren müssen, weil sie unser größter Schatz ist.“ Lächelnd nahm Tiki Benny in den Arm und drückte ihn fest.

Benny war ganz gerührt und vor lauter Rührung trat er aus Versehen auf einen quengeligen Quint, der gerade an ihm vorbei lutschern wollte. Der verlor dabei seinen Rucksack und sein Inhalt ergoss sich über den Marktplatz. Quengelige Quinte gab es überall in der Wichtelwelt. Sie hatten seehr kurze Beine und eine stromlinienförmige Figur. Dazu hatten sie eine äußerst flutschige Haut. Deshalb waren sie sehr schnell und übernahmen gerne Aufgaben, wie Briefkurier oder Pizza-Flitzer, bei denen Schnelligkeit und hohe Flutscheigenschaften gefragt waren, weil sie sehr schnell durch die Wichtelmenge lutschern konnten. Lutschern war ein Mittelding zwischen Kriechen und Laufen. Denn, was Quinte mit ihren 36 kurzen Beinchen taten, konnte man weißgott nicht mehr als Gehen oder Laufen bezeichnen.

Außerdem waren quengelnde Quinte sehr modebewusst. Quinte haben keine Haare, sondern stattdessen wuchsen ihnen Hautlappen. Und die waren immer nach dem neuesten Stand der Hautlappenmode frisiert. Momentan waren bei den Quinten wieder Bärte jeglicher Art und Fasson im Kommen.

Laut in seinen Bart aus Hautlappen quengelnd, sammelte der Quint seine Briefe und Postkarten ein und zog  weiter. Nicht ohne Benny noch schnell einen Vogel gezeigt zu haben.

Da musste Benny lauthals lachen. Und dieses Lachen war so ansteckend, dass erst seine drei Freunde und dann alle Wichtel, die sich gerade in Mützelbach aufhielten, mit lachen mussten. Benny fragte sich, wann er das letzte Mal gelacht hatte. Aber er konnte sich nicht daran erinnern.

Tiki schaute Benny mit stiller Bewunderung an: „Dein Lachen ist ansteckend, Menschling. Auch das ist ein großer Schatz. Bewahre ihn dir.“

 

Die leseleichte Leselei

„Jetzt lasst uns mal endlich die Stadtrundfahrt weiter machen!“, quengelte der kleine Puck.

Und so gingen unsere Freunde zum nächsten Haus. Das sah eher aus, wie ein gebogener Turm und ganz oben leuchtete sein rotes Spitzdach vor dem blauen Himmel über Mützelbach.

„Das ist die leseleichte Leselei. Darin stehen alle Bücher, die du dir nur vorstellen kannst. Quasi die Weisheit der ganzen Wichtelwelt. Und weil wir Wichtel gaaanz wichtelige Geschichten lieben und schon im Kindergarten Schreiben und Rechnen lernen, schicken schon die Kleinsten von uns ihre Geschichten in die Leselei.

Der Bücherwichtel führt genau Buch, wer wann welche Geschichten einstellt und wer welche Geschichten liest. Aber um eine der Geschichten zu lesen, musst du erst mal selber eine Geschichte schreiben oder ein paar Kekstaler haben. Und die holen wir uns jetzt aus der krümeligen Kekskasse!“

Flinn schaute sehr erwachsen aus der Wäsche und erklärte weiter: „Am schnellsten bekommst du Kekstaler, wenn du dich hier ein wenig umsiehst. Überall wachsen hier vierblättrige Glücksklee-Blätter. Die musst du einsammeln. Denn der Kassenwichtel braucht viel Glück, damit seine Kekskasse keine Wirtschaftskrise bekommt. Denn Wirtschaftskrisen sind nicht immer sehr schmackhaft und lassen die Kekstaler schnell alt aussehen!“

„Und dann werden die Kekstaler mal so richtig sauer! Oioiooi. Und ich sage dir: Habe niemals einen sauren Kekstaler in der Tasche. Der krümelt dich total voll und das kratzt ganz schlimm auf der Haut, “ wusste Puck zu berichten. Dabei kratzte er sich zur Bestätigung heftig hinterm linken Ohr.

„Außerdem kannst du Kekstaler als Belohnung bekommen, „ ergänzte Tiki, „die Wichtel sind sehr vergesslich und lassen überall ihre Mützen und Zuckerstangen liegen. Wenn du also eine Mütze oder eine Zuckerstange findest und in der Kekskasse abgibst, bekommst du zur Belohnung immer ein paar Kekstaler.“

„Und weil die Wichtel so viele Zuckerstangen verlieren, gibt es mittlerweile so viele davon, dass man ruhig auch mal ein paar naschen kann, weil sie eh keiner mehr vermisst.“ Genüsslich leckte sich Puck über den Mund und rieb sich dazu wohlig den Bauch.

Benny schaute sich suchend um und wirklich: Überall auf der Wiese wuchs Glücksklee und wenn man ganz genau suchte, dann sah man hier und da die rot-weiß-gestreiften kleinen Zuckerstangen im Sonnenlicht funkeln. Und auch mit den verlegten oder verlorenen Wichtelmützen hatten seine Freunde recht. Hier und da lagen sie, mal auf einer Bank herum, mal unter einem schattigen Bäumchen.

Benny machte sich sofort auf die Socken und sammelte Mützen, Glücksklee und Zuckerstangen, soviel er schleppen konnte. Und natürlich halfen ihm seine drei neuen Freunde Tiki, Flinn und Puck beim Sammeln und Tragen.

Die krümelige Kekskasse

Danach ging‘s ab in die krümelige Kekskasse. Der Kassenwichtel staunte nicht schlecht, als er sah, was die Vier da so alles anschleppten.

„Ja ja ja, wer den Glücksklee nicht ehrt, ist den Kekstaler nicht wert! Zeigt mal her, was ihr da so alles Wichteliges eingesammelt habt. Oh oh oh, sooo viele Mützen und Zuckerstangen habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen. Da muss ich aber erst mal ausrechnen, was ich da an Kekstalern rausrücken muss.“

Er schaute auf Benny und musterte ihn von oben bis unten. Dann sagte er anerkennend: „Ja ja ja, ein nettes Bürschlein haben wir da! Hier hast du ein wichteliges Anmeldeformular. Fülle das gewissenhaft aus, damit ich dir ein Kekskonto eröffnen kann, nachdem ich gezählt habe.“

Benny sah auf das Formular. Da stand:

Name: _____________________________

und darunter:

Passwort: __________________________

„Wie?“, dachte sich Benny, „Mehr nicht? Keine Adresse, Geburtsdatum, Kinderkrankheiten, Eltern, Religion, Größe, Gewicht, Passbild, Fingerabdruck und Aufenthaltsgenehmigung, wie in der Menschenwelt?“

Benny trug schnell seinen Namen ein. Und als Passwort nahm er … „echte-freunde“

Dann gab er das Antragsformular beim Kassenwichtel ab. Der sortierte es in einem riesigen Karteikasten ein. Dann nahm er ein leeres Sparbuch und schrieb Bennys Namen darauf. In das Sparbuch trug er gewissenhaft ein: Guthaben: 1.500 Kekstaler.

Benny hob sofort 500 Kekstaler ab, um etwas Kleingeld zum Bezahlen zu haben. Der Kassenwichtel nahm das Sparbuch und schrieb hinein:

Guthaben 1.500 Kekstaler

-        500 Kekstaler

=    1.000 Kekstaler

Neues Guthaben: 1.000 Kekstaler

Dann legte er das Sparbuch in einen riesigen Tresor, und gab Benny seine 500 Kekstaler mit den Worten: „Gib‘ aber nicht alles auf einmal aus!“ Dann lachte er laut über seinen, wie er meinte, gelungenen Scherz. „Har har har har“, lachte der Kassenwichtel noch immer, als unsere Freunde gut gelaunt die krümelige Kekskasse verließen.

„So, “ sagte Puck, „jetzt besuchen wir mal den Nachrichtenwichtel. Der sitzt in der neugierigen Nachrichtenzentrale dort drüben. Oioioi, pass‘ aber auf, dass er dir keine Löcher in den Bauch fragt.“

Benny blickte schnell auf seinen Bauch und steckte zur Sicherheit noch einmal sein Hemd in die Hose. Dann folgte er den drei Wichteln in die Nachrichtenzentrale.

 

Die neugierige Nachrichtenzentrale

„Halli Hallo Halllööööcheeeen!“ begrüßte sie der Nachrichtenwichtel. Dabei wackelte der Stift, den er als Erkennungszeichen immer hinter seinem linken Ohr trug bedenklich auf und ab. „Wen haben wir denn da? Ein Neuling in der Wichtelwelt! Das muss gedruckt werden! Wir machen eine Sondersendung! Wir bringen einen superwichteleiligen Newsletter heraus! Wir drucken ein Exlusiv-Interview in der Mützelbacher Morgenpost! Wir …“

„Stopp, Stopp!“ Flinn stellte sich in Positur und verschränkte die Arme vor der Brust, wie ein Erwachsener: „Nicht so schnell Nachrichtenwichtel. Wir wollen ja nicht gleich alles heraus posaunen über unseren Menschling hier. Der ist ja noch nicht mal richtig angekommen in unserer Wichtelwelt. Wer weiß, ob es ihm überhaupt hier gefällt?!?“ Dabei schaute Flinn schnell rüber zu Benny, um zu sehen, wie er reagierte.

Aber Benny reagierte überhaupt nicht. Denn er blickte fasziniert in eine Glaskugel, die auf einem Regal an der Wand stand. Und in der Glaskugel sah er etwas, was ihm irgendwie nicht so recht gefiel: Drei Gestallten saßen auf einer Lichtung im Wald um ein Lagerfeuer. Einer der drei zeichnete etwas auf den Boden, was aussah, wie ein Plan. Aber Benny konnte nicht genau sehen, was da genau gezeichnet wurde. Er ging noch näher an die Kugel heran und mit einem lauten Knall viel sie hinunter und rollte scheppernd über den Boden.

Benny hatte sie aus Versehen mit seiner Nase vom Regal gestoßen. Unbeholfen tapste er hinter der Kugel her, um sie wieder aufzuheben. Sie landete genau vor den Füßen des Nachrichtenwichtels. Der hob sie kopfschüttelnd auf und stellte sie wieder auf ihren Platz im Regal. „Tss tss tsss“, machte der Nachrichtenwichtel, „kaum hier und schon reißt er mir die Bude ab, zerstört mein Inventar, zerkratzt mir den Boden, fackelt mein Dach ab, walzt ganz Mützelbach nieder… oh Weh und Jammer … die Wichtelwelt ist verloren! …“

„Ok!“ Tiki hielt dem Nachrichtenwichtel den Mund zu, „jetzt weißt du, weshalb er der Nachrichtenwichtel ist. Er übertreibt gerne maßlos und macht aus jeder Mücke sofort einen Elefanten. Also, das ist Benny. Benny kommt in friedlicher Absicht und will dir nur guten Tag sagen. Also benimm dich jetzt mal wieder!“

Der Nachrichtenwichtel taxierte Benny von oben bis unten. Dann sagte er lächelnd: „Hallöchen Hallöchen, mein neuer Freund. Wie geht’s, wie steht‘s denn so in der Menschenwelt? Was macht ihr so? Hast du ein Geheimnis? Hattest du schon irgendwelche schlimmen Krankheiten? Was machen deine Eltern? Wie bist du in der Schule? Hast du schon mal was Schlimmes gemacht? Wie groß bist du? Wie als bist du? Wie viel wiegst du? Weißt du, alle behaupten zwar, ich sei neugierig, aber das stimmt nicht. Ich bin nur hilfsbereit! Ich entlaste quasi dein Gewissen! Wenn du irgendwas Interessantes zu sagen hast, aber nicht weißt, wem du das sagen sollst, dann helfe ich dir. Sag’s einfach mir. Ich bin verschwiegen, wie ein maulloser Mützelmulch. Für jede Neuigkeit, die ich noch nicht weiß, bekommst du von mir 100 Kekstaler! Also mein kleiner Freund: Immer raus mit der Sprache, immer raus mit der Sprache!“

Der Nachrichtenwichtel legte freundschaftlich seinen Arm um Benny und klimperte zur Bestätigung in seiner Tasche mit ein paar Kekstalern, sofern man das Klimpern von Kekstalern überhaupt als Klimpern bezeichnen kann. Denn es hörte sich eher an, wie ein knarzendes Bröseln.

Genervt verdrehten Tiki, Flinn und Puck die Augen. „Immer das Gleiche, mit diesem Nachrichtenwichtel …tss!“

Schnell zogen sie Benny aus der Umklammerung des nach Neuigkeiten lechzenden Wichtels und stürmten aus der neugierigen Nachrichtenzentrale.

 

Die besondere Bilderburg

„Jetzt gehen wir mal in die besondere Bilderburg und sehen uns die neuesten 10 Bilder an.“ Flinn machte eine Kopfbewegung, knipste ein Auge zu und schaute mit dem anderen über seinen ausgestreckten Daumen. Das hatte er mal bei einem waschechten Wichtel-Kunstkenner gesehen, als der ein Bild begutachtete.

So gingen sie auf das wohl größte Haus in Mützelbach zu. Jedenfalls hatte es die größte und schönste Fassade. Was dahinter kam, war allerding nicht mehr so groß.

Flinn erklärte im Stile eines Fremdenführers weit ausholend: „Und hier haben wir die besondere Bilderburg. Es gibt ein Wichtelgesetz über das Aufhängen von Bildern. Es dürfen nämlich aus baulichen Gründen nie mehr, als 10 Bilder aufgehängt werden. Deshalb stimmt ein besonders kunstkennerisches Wichtelgremium darüber ab, welche 10 Bilder gerade aufgehängt werden und wie lange. Treten Sie ein, mein Herr!“

Mit einer ausholenden Armbewegung zog Flinn die Tür auf und sie traten ein. Benny war erstaunt. Denn im Gegensatz zu den riesigen Räumen in der Menschenwelt, hatte diese Ausstellungshalle einen schmalen Gang, an dessen linker Wand die 10 Bilder hintereinander hingen.

Der Bilderwichtel rief: „Herrreinspaziert, herreinspaziert, die wicheligen Wichtel und Nichtwichtel. Bewunnnndern sie die neueste Ausstellung, die ich für Sie ausgestellt habe. Diese zehn Bilder sind momentan das Nonplusultra an Kunst aus der Wichtelwelt.“

Wichtig kraulte sich der Bilderwichtel den Bart. Dann begann seine lange Nase zu zucken und der Bilderwichtel legte einen Nieser hin, dass sich die Bilderrahmen bogen.

Benny ging stumm an den Bildern vorbei. Er dachte sich: „Hm, die sehen irgendwie alle so aus, wie die Bilder, die ich im Kindergarten gemalt habe. Das ist also moderne Wichtelkunst.“ Dann beschloss er, dass er beim nächsten Mal nicht vergessen dürfe, ein paar seiner Bilder mit in die Wichtelwelt zu nehmen. Könnte ja sein, dass er es hier zu einem berühmten Künstler bringen würde.

 

Das sagenhafte Singsangsurium

„Und wo wir gerade bei der Kunst sind, gehen wir jetzt noch rüber ins sagenhafte Singsangsurium.“ meinte Tiki. „Ich habe Lust auf ein kleines Tänzchen. Du vielleicht auch Benny?“

Dabei schaute sie Benny mit einem ihrer tiefgründigen Blicke an, dass ihm ganz mulmig wurde. Aber irgendwie hätte er es schon toll gefunden, mit einem echten Wichtelmädchen eine flotte Runden aufs Parkett zu legen. Er wollte gerade antworten, als Flinn ihm ins Wort viel: „Ich kann viel besser tanzen, als so ein Erdling. Außerdem hast du mir beim letzen Mal eine Tanz versprochen!“

Puck musste laut lachen und tanzte watschelnd um sie herum. Dabei sang er aus Leibeskräften: „Flinn ist verliehibt. Flinn ist verliehibt! Flinn ist …“ „Sei still du Zwerg, sonst werfe ich dich dem schwieligen Schlammtroll zum Fraße vor!“, schimpfte Flinn und guckte dabei verlegen zu Tiki hinüber.

„War doch nur Spaß“, entgegnete Puck, “Komm, wir vertragen uns wieder. Ist doch nicht schlimm, wenn du in Tiki verliebt bist!“

„Jetzt sei endlich still!“ Tiki schaute Benny etwas verlegen an. Dann zeigte sie auf ein Haus, das aussah, wie ein riesiger Kürbis mit Antenne. „Das ist das sagenhafte Singsangsurium. Da kannst du für ein paar Kekstaler die tollste Musik hören. Aber du kannst natürlich auch selber singen und tanzen, wenn du möchtest.

Du darfst nur nicht den Liederwichtel wecken. Der nimmt sich immer so wahnsinnig, wichtelig wichtig und versucht immer alle Lieder mitzusingen – und das hört sich schrecklich an!“

„Oioioioi!“, sagte Puck zur Bestätigung und hielt sich die Ohren zu, als höre er jetzt schon das fürchterliche Gesinge des Liederwichtels.

So betraten sie das Singsangsurium. In der Mitte stand eine riesige Musikbox, die alle Lieder enthielt, die jemals in der Wichtelwelt gesungen wurden. Und alle Wichtel kannten alle Lieder auswendig. Denn bei den Wichteln sog man die Lieder mit der Muttermilch auf und vergaß sie sein ganzes Leben lang nicht mehr. Hinter der Musikbox hörte Benny ein sonores Schnarchen und er sah, wie zwei Füße immer mal wieder neben der Box auftauchten. Als er näher kam, sah er den dicken Liederwichtel in seinem Schaukelstuhl sitzen, auf uns ab wippen und tief und fest schlafen. In seinem Mundwinkel wippte eine kalte Pfeife. Der Liederwichtel hatte ein T-Shirt mit dem Aufdruck der wichtwachteligen Wunderwusler an, einer populären Wichtelband.

Flinn holte ganz erwachsen einen Kekstaler aus der Tasche, schnippte ihn mit dem Daumen in die Luft und fing ihn noch viel erwachsener wieder auf. Mit einem Seitenblick vergewisserte er sich, dass Tiki seinen tollen Trick auch wirklich gesehen hatte. Dann nahm er den Keks und warf ihn in den Schlitz der Musikbox. Er überlegte kurz und wählte dann das Lied:

Was wichtelt dort wichtelig durch die wunderschöne Wichtelwelt. Es ist mein Wichtelheld mit seinem Wichtelgeld.

„Au Mann“, meinte Benny, „ihr habt hier aber lange Namen für eure Lieder.“

„Das ist noch gar nichts“, erwiderte der kleine Puck voller Stolz, „manche Lieder haben längere Namen, als die Musik dauert.“

„Ah ja!“, sagte Benny, obwohl er nichts verstanden hatte. Denn die Musik war so laut, dass ihm die Ohren dröhnten. Tiki kam auf ihn zu, nahm ihn in den Arm und drehte ein paar Runden im Takt der Musik.

Dabei sang sie, einige Fetzen vom Text mit, die ihr besonders gefielen:

„… kamst du bei mir vorbei, mit deinem Wichtelblick, und mein Kopf machte Nick Nick Nick …“ oder

„ich wichtelte um dich herum und war ganz dideldum, und meine Wichtelmütze flog in eine Pfütze …“ oder auch

„komm mit du großer blonder Wuselwicht ich koche dir mein Leibgericht …“

und noch viele weitere Textfetzen. Aber die konnte sich Benny nicht merken, weil ihm ganz schwindelig wurde vom vielen Drehen.

Plötzlich ertönte ein markerschütternder schrecklicher Gesang: „Was wichtelt dort wichtelig durch die wunderschöne Wichtelwelt. Es ist mein Wichtelheld mit seinem Wichtelgeld!“

Der Liederwichtel war aufgewacht und sang aus vollem Herzen den Refrain mit. Aber so falsch, dass sich die Balken des Hauses nach außen bogen und bestimmt wäre das sagenhafte Singsangsurium auseinander geflogen, wenn nicht in dem Moment ein kurzfristiger Stromausfall das Lied unterbrochen hätte.

„Oioioi, das war bestimmt der Spielewichtel. Der bastelt garantiert wieder an einem neuen Spiel und hat einen Kurzschluss verursacht“, folgerte Puck, „Jetzt lasst uns schnell hier verschwinden, bevor der Strom wieder da ist und der Liederwichtel weiter singt! Wisst ihr noch, beim letzten Fest hat er in nur 10 Wichtelminuten einen ganzen Saal leer gesungen.“

Der Liederwichtel schaukelte zufrieden auf seinem Stuhl und grummelte unverständliche Wortfetzen in sich hinein. Benny verstand nur „Srgfrztzs …“ Was immer das auch bedeuten sollte.

 

Die spannende Spielespelunke

Alle waren froh, als sie endlich wieder an der frischen Luft waren, bevor der Strom wieder da war. „Puhh“, sagte Tiki, die noch immer ganz rot im Gesicht vom Tanzen war, „das war knapp. Fast hätte uns der Liederwichtel die Ohren weggesungen. Gott sei Dank hat der Spielewichtel uns mit seinem Stromausfall gerettet. Wir können ja mal kurz hingehen und uns bedanken. Dann kannst du gleich mal die spannende Spielespelunke kennen lernen!“

„Warum nicht“, antwortete Benny, „wo wir schon mal dabei sind. Aber danach machen wir mal eine Pause! Ich hab‘ nämlich langsam Hunger!“

„Sieh mal an, unser Menschlein macht schon schlapp!“ Flinn prüfte kurz, ob er auch erwachsen genug wirkte bei diesem Spruch. Dann fuhr er fort: „Ok, helfen wir dem alten Spielewichtel und verdienen uns nebenher noch ein paar Kekstaler. Davon holen wir uns dann ein paar frittierte Blaubaumblätter mit Duftdahlien-Dip und machen eine kleine Snack-Pause.“

Sie näherten sich einem turmartigen Gebäude, das etwas außerhalb des Zentrums aber immer noch innerhalb von Mützelbach stand. Vor dem Haus graste ein komisches Tier, das aussah, wie eine Mischung aus Rentier und Milchkuh. Immer wenn es sich bewegte, rappelte es fürchterlich. Aber keiner konnte so richtig feststellen, weshalb es rappelte. Benny suchte heimlich nach irgendwelchen Stöcken oder anderen Sachen, die das Rappeln verursachen könnten, aber er fand nichts.

„Es sind seine Kochen!“ Tiki zeigte auf das Tier. „Das ist ein rappeliges Rudelrind. Das einzige auf der ganzen Wichtelwelt.“

„Und weshalb heißt das Rudelrind Rudelrind? Ich sehe kein Rudel.“ erwiderte Benny und schaute sich suchend um, ob nicht doch irgendwo eine Herde herumrappelte. Doch das einzige, was er in der Ferne sah, war eine dünne Rauchwolke die über dem Wald aufstieg.

„Du Dummchen“, neckte Tiki, „ das ist das letzte Rudelrind. Seine Artgenossen haben vor langer Zeit beschlossen, so lange im Rudel zu rappeln, bis sie sich in rüde Randale-Rinder verwandelten. Jetzt ziehen sie durch die endlosen Steppen der Wichtelwelt und randalieren rum. Aber nur, wenn‘s keiner sieht. Sobald man sie beobachtet, tun sie so, als wären sie ruhige Rosenrinder, die keiner Fliege was zu leide tun könnten.“

Benny staunte ein paar Minuten vor sich hin. Dann sagte er: „ Ähhh ja … hmmm!“, und tat so, als hätte er‘s verstanden. Mittlerweile standen sie vor dem Haus. Flinn trat vor und klopfte an der Tür.

Während sie warteten, dass die schlurfenden Schritte, die sie von innen hörten, immer näher kamen, erklärte Flinn, indem er sehr wichtelig den Mund wie ein erwachsener formte und sich über seinen nicht vorhandenen Bart strich:

„Also Benny, der Spielewichtel war früher mal ein großer Erfinder. Nachdem ihm aber ein Experiment fehlgeschlagen war und er das rasanteste Renn-Rentier des Weihnachtsmannes in ein rappeliges Rudelrind verwandelt hatte, hängte er seine Erfindermütze an den Nagel und wandte sich dem Glücksspiel zu. So wurde er mit der Zeit zum Spielewichtel. Jetzt werkelt er an Spielen rum, um sie noch besser und spannender zu machen, als sie schon sind. Manchmal kommt aber die alte Leidenschaft durch und der Spielwichtel erfindet ein eigenes tolles Spelunken-Spiel. Dann fällt meistens der Strom aus. Aber irgendwie bekommt er es wieder in Gang und wir kleinen Wichtel helfen ihm, seine Erfindungen zu testen. Dafür gibt er uns immer ein paar Kekstaler.“

Mit einem langen Quietschen öffnete sich die Tür einen Spalt weit und ein Wichtelkopf schaute ihnen entgegen.

„Ach, ihr seid‘s nur! Na, denn kommt mal rinn, inne gute Stube! Ihr könnt gleich mal meine neue Erfindung testen.“

Der Spielwichtel ging vor und zeigte auf eine riesige Maschine. Benny musste ehrlich zugeben, dass er noch niemals so viele Zahnräder und Gelenkarme an einer einzigen Maschine gesehen hatte. Höchstens mal auf dem Schrottplatz. Aber ein Haufen Schrott war ja keine Maschine.

„Oioioi, was ist’n das für eine Maschine?“ fragte Puck neugierig und watschelte auf das Ding zu.

„Das ist meine einzigartige Praline-Maschine. Drücke mal hier auf den roten Knopf. Dann wirst du staunen, was passiert!“ Nervös zeigte der Spielewichtel auf den roten Knopf.

Puck wartete nicht lange und drückte ihn so tief, bis sein kleiner Finger fast nicht mehr zu sehen war. Dann begann etwas, was Benny noch nie erlebt hatte: Zuerst rappelte es ganz fürchterlich. Dann blinkten ca. 10 Minuten lang alle Lämpchen in bunten Farben. Plötzlich erhob sich die Maschine und ging ein paar Mal auf und ab. Dabei drehten sich alle Zahnräder und quietschten monoton vor sich hin.

Auf einmal wurde der Gang schleppender und die Maschine setzte sich in den nächsten Sessel. Sie schlug sich leicht mit einem Gelenkarm auf den Hinterkopf. Dann stieß sie einen lauten Rülpser aus, der so viel Wind machte, dass ihnen fast die Mützen wegflogen.

Zum Schluss ertönte ein kurzes Piepen.

„Und? Was sagt ihr?“ Der Spielewichtel sprang jubelnd im Dreieck, während sich die vier Freunde verwundert ansahen.

„Ähhm … weshalb heißt die Maschine jetzt Praline-Maschine?“ fragte Tiki zaghaft.

„Fasse ihr doch einfach mal da in die Öffnung am Kopf. Dann wirst du sehen, weshalb die Maschine Praline-Maschine heißt.“ brüllte der Spiele-Wichtel enthusiastisch.

Tiki fasste in das große Loch und tastete eine Weile darin herum. Dann zog sie erfreut die Hand heraus. Als sie sie öffnete lag darin eine Schoko-Karamell-Praline.

„Wouw, beim wuscheligen Wunderwicht, das ist mal eine gute Maschine!“ Tiki steckte sich die Praline in den Mund und machte ein genussvolles Gesicht. „Und echt lecker, die Praline!“

„Hab‘ ich doch gesacht! Hab‘ ich doch gesacht!“ brüllte der der Spielewichtel und jeder musste mal auf den roten Knopf drücken. Als alle ihre Praline hatten, pfiff die Maschine erschöpft aus dem letzten Loch.

Alle kauten auf ihrer leckeren Praline und Benny fragte mit halbvollem Mund: „Eins verstehe ich nicht: Warum heißt du eigentlich Spielewichtel, wenn du solche Maschinen baust?“

„Tja tja tja ähhh tjä tjä tjä ähh … nun“, stammelte der Spielewichtel, „weil ich ab und zu auch mal ein Spiel erfinde. So alle paar Monate oder wann habe ich das letzte Spiel erfunden? Lass‘ mich überlegen…“ er drehte sich um und zählte heimlich an seinen Fingern. „Das letzte als funktionierend bekannte Spiel erfand ich vor genau drei Wichteljahren. Es hieß, glaube ich, MemoQuak. Warte mal …“ er drehte sich um und verschwand hinter einigen weiteren Maschinen. Dann kam er in eine Staubwolke gehüllt wieder zurück und stellte einen froschgrünen Kasten vor sie hin. „Da isset, mein MemoQuak-Spiel.“

Aber jetzt hatten die kleinen Wichtel und Benny keine Lust mehr zu spielen und versprachen, bald wieder zu kommen um das MemoQuak-Spiel zu testen. Der Spielewichtel gab jedem eine Handvoll Kekstaler und schon waren sie wieder draußen vor dem Haus.

Das rappelige Rudelrind guckte ein wenig mürrisch aus dem Fell und tat so, als würde es mit großem Appetit Glücksklee fressen. In Wirklichkeit hatte es echt die Schnauze voll, auf dieser blöden Weide zu stehen und rumzurappeln. Zu gut konnte es sich noch an die Zeiten erinnern, als es das schnellste Renn-Rentier des Weihnachtsmannes war und vor Weihnachten ganz vorne in erster Reihe mit dem Rentier-Schlitten voller Geschenke durch die Luft geflogen war.

 

Rollolo

Benny schaute sich das eigentümliche Tier lange an. Dann kam er zu dem Schluss, dass es doch eher nach einer Milchkuh, als nach einem Rentier aussah.

Das sagte er auch seinen Freunden, die ihm in dieser Frage einstimmig Recht gaben.

„Oioioi wenn man von Rentier spricht …“ sagte Puck und zeigte auf einen Punkt am Horizont, der schnell größer wurde. „Rollolo!“

„Wer ist denn das schon wieder?“ Benny fixierte den Punkt, der sich, je näher er kam in ein Rentier verwandelte.

„Das ist Rollolo, das Rentier. Und ich weiß genau, was er will.“ meinte Tiki etwas genervt.

„Jou jou jou“, stimmte Flinn zu „jetzt hat er uns schon wieder erwischt!“

„W.. wie? W..was? W..wer? Wieso erwischt?“ Benny schaute perplex in die Runde.

„Ui ui ui, da haben wir ja unsere Wichtelheimer. Wieso seid ihr nicht im Kindergarten, hmm?“ Rollolo schaute die drei kleinen Wichtel streng an. „Seid ihr schon wieder ausgebüchst? Und wer ist denn dieser kleine Wicht? Wo habt ihr den denn her?“ Rollolo schaute Benny mit hochgezogenen Augenbrauen an, wenn man das mit den Augenbrauen bei Rentieren so sagen kann. „Bist du etwa auch aus dem Kindergarten abgehauen? Oder hast du die kleinen Ausreißer hier etwa überredet?“

„Rollolo, das ist Benny. Er ist ein Menschling und ist zu Besuch hier. Puck hat ihn schluchzen gehört und da sind wir dann aus dem Kindergarten raus, um mal nachzusehen. Vielleicht können wir ja helfen, haben wir gedacht …“ Tiki schaut schuldbewusst zu Boden.

„So so, helfen! Ui ui ui, so helfen, wie ihr dem Weihnachtsmann im letzten Jahr geholfen habt, oder was?“ Rollolo schaute abwechselnd zu Tiki, Flinn und Puck, „Ui ui ui, jetzt ist es eh zu spät und in den Kindergarten lohnt es sich eh nicht mehr. Ich wollte gerade den Weihnachtsmann besuchen. Kommt ihr mit?“

„Ja!“ brüllte Puck und tanzte watschelnd um Rollolo herum.

„Jou Jou Jou“, sagte Flinn cool und verschränkte die Arme vor der Brust. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass seine Stimme ein paar Töne erwachsener wirkte, wenn er Jou Jou Jou sagte.

„Klar kommen wir mit. Aber nur, wenn Benny hier auch mit darf!“ Tiki schaut Rollolo bittend an und streichelt Benny dabei über den Kopf, dass ihm kurzfristig ganz anders wird.

Rollolo tat so, als ob er nachdenke. Dann gab er sich scheinbar geschlagen. „Ok, nehmen wir halt auch den Menschling mit. Steigt schon auf!“

Mit einem langgezogenen „Hurraaaa!“ stiegen unsere Freunde auf Rollolos Rücken und los ging’s zum Weihnachtsmann in den Wuselwald.

Der Weihnachtsmann

„Ui ui ui, seid ihr aber schwer!“

Rollolo trabte gemächlich über die Prärie. Um sie herum lag eine weite Ebene unter dem blauen Himmel der Wichtelwelt. In der Ferne leuchteten schneebedeckte Bergspitzen und in einiger Entfernung zeichnete sich das satte Grün des Wuselwaldes ab.

„Dafür, dass ich noch so jung bin, dass ich noch nicht mal fliegen kann, bin ich schon ganz schön stark, oder?“

„Das stimmt. Vielleicht bist du aber auch nur so stark, weil du allen Leuten die Lebkuchenvorräte wegfrisst!“ sagte Puck glucksend.

„Und vielleicht kannst du deswegen auch noch nicht fliegen, weil du so ein Vielfraß bist!“ ergänzte Flinn und bemerkte sofort, dass er ganz vergessen hatte, erwachsen zu wirken.

„Du frisst fast so viel, wie der dickbäuchige Beutelbrumm, der ab und zu mal aus dem Schlaraffenland rüberkommt.“ lachte Tiki.

„Wollt ihr mich etwa beleidigen?“ fragte Rollolo gespielt beleidigt. „Da müsst ihr aber früher aufstehen, wenn ihr mich hier Hops nehmen wollt!“

„Apropos essen. Ich hab‘ Hunger!“ Bennys Magen knurrte mittlerweile so laut, dass er teilweise Angst hatte, er könnte die Unterhaltung der anderen nicht mehr hören.

„Ui ui ui, neu hier und schon Ansprüche stellen“, so was habe ich gerne. „Ok, dann lege ich mal meinen Galopp-Gang ein.“

Rollolo wurde merklich schneller. Aber nach zirka 100 Metern war es mit der Geschwindigkeit auch schon wieder vorbei.

„Für deine Kondition könntest du auch mal wieder was tun! Nimm dir ein Beispiel am Weihnachtsmann. Der joggt das ganze Jahr über durch den Wuselwald, damit er im Winter durch die Schornsteine passt.“ Tiki machte lachend mit den Armen Joggingbewegungen und streckte den Bauch dabei raus, um den Weihnachtsmann nach zu machen.

„Ja, der muss ja auch viel tun. Was der am Tag an Keksen in sich reinschaufelt.“ erwiderte Rollolo. „Dagegen ist mein Lebkuchenkonsum nur ein kleines Nüsschen in einer leeren Haselhörnchenbacke.“

So kamen alle gut gelaunt am Wuselwald an. Rollolo trabte jetzt vorsichtig durch den Wuselwald und es war schon bewundernswert für Benny, wie sicher er sie über die verschlungenen Pfade führte. Nach einiger zeit kamen sie auf eine riesige Lichtung. In einem Gehege flogen ein paar Renn-Rentiere herum und übten kleine Flugeinlagen, wie den dreifachen Rentierschlitten-Looping oder den eingeschneiten Doppeldreher, um den Schlitten, wenn er im Winter auf dem Weg zu den Menschen zugeschneit war, wieder vom Schnee zu befreien.

Auf der Lichtung stand eine tolle Hütte, die Benny dem Weihnachtsmann echt nicht zugetraut hätte. Mit Satellitenantenne und allem Pipapo. Vor der Hütte machte der Weihnachtsmann ein paar Kniebeugen. Manchmal geriet er aber aus dem Gleichgewicht, weil sein Bauch im Weg war. Das versuchte er dann zu übertünchen, indem er so tat, als würde er absichtlich einen Sitestep machen.

„Hallo Weihnachtsmann!“, rief Rollolo, „Sieh mal, wen ich dir hier mitgebracht habe. Deine Helfer vom letzten Jahr!“

Dabei sprach Rollolo das Wort Helfer irgendwie komisch aus und Benny dachte sich, dass Rollolo vielleicht etwas anderes sagen wollte, als er gesagt hat.

„Ho ho ho“, rief der Weihnachtmann und kam ihnen entgegen. „Wen haben wir den da? Meine kleinen Helfer aus Mützelbach. Na, was treibt euch hierher? Ihr wollt mir bestimmt nicht bei der Gymnastik zusehen.“

„Nein, wir wollen dir Benny hier vorstellen. Das ist unser neuer toller Freund. Ein gaanz wichteliger!“ Tikki sprang von Rollolos Rücken, flog dem Weihnachtsmann in die ausgebreiteten Arme und herzte ihn ganz doll.

Flinn ging gemächlich mit wiegenden Schritten, wie ein Erwachsener auf den Weihnachtsmann zu: „Jou jou jou, schön dich zu sehen, Weihnachtsmann!“ Dabei hob er die Hand und sagte ganz erwachsen: „Give me five!“

Der Weihnachtsmann schaute Flinn von oben bis unten an und sagte bewundernd: „Sieh mal einer an. Ho ho ho! Groß ist er geworden der kleine Flinn!“

Flinn bekam einen ganz roten Kopf vor Stolz und wurde gleich nochmal einige Millimeter größer.

Jetzt watschelte der kleine Puck auf den Weihnachtsmann zu. „Hallo Weihnachtsmann. Du hast aber einen dicken Bauch. Ich dachte, du trainierst den ganzen Sommer über.“ Dann sprang er dem Weihnachtsmann in die Arme.

Der Weihnachtsmann strich sich verlegen über den Bauch. „Hm“, grummelte er, „waren wohl doch zu viele Plätzchen vom Fernseher gestern.“

Dann drehte er sich zu Benny. „Und wer bist du? Ach ja, der kleine Benny, der jetzt mit seiner Mutter in dem Hochhaus wohnt. Früher war es schöner, als ihr noch das Haus am Wald hattet, oder?“

Benny schossen sofort die Tränen in die Augen und der Weihnachtsmann hätte sich am liebsten ohrfeigen können, weil er so heftig ins Fettnäpfchen getreten war.

„Ho ho ho, wer wird denn da weinen. Ich komme auch in Hochhäuser. Dort reise ich durch den Müllschacht oder parke direkt vor den Balkonen. Aber ich verspreche dir hiermit beim linken Hinterhuf meines Hauptrentiers: Nächstes Weihnachten bist du ein glücklicher Menschling! Und alle, die du magst und alle, die dich mögen werden beisammen sitzen und eine wohlig warme Weihnacht haben.“

„Und der Weihnachtsmann bringt euch gaaanz viele wichtelige Weihnachtsgeschenke!“ ergänzte Puck liebevoll.

Da hätte Benny ihn am liebsten in den Arm genommen. Und er hatte das wunderbare Gefühl, echte Freunde zu haben.

„Jetzt weiß ich auch, weshalb das hier wunderbare Wichtelwelt heißt“, dachte er sich, „weil alle hier so wunderbar sind.“ Dann lächelte er glücklich und augenblicklich war die Traurigkeit verschwunden.

„Was haltet ihr von einem schicken Lagerfeuer, warmen Getränken, leckeren Speisen und unglaublichen Geschichten?“ fragte der Weihnachtsmann in die Runde. Das Lächeln der Anwesenden deutete er richtig: „Ja!“

 

Die gemeine Gang

Nicht weit von der Lichtung, wo der Weihnachtmann wohnte, saßen ein paar finstere Gestalten um ein kleines Feuer und schmiedeten finstere Pläne. Der erste sah aus, wie ein Wichtel. Nur waren seine Kleider so grau, wie seine Gesichtsfarbe. Und seine Augen waren irgendwie kleiner als die großen offenen Wichtelaugen, ebenso waren seine Ohren nicht ganz so spitz und groß, wie die der Wichtel. Jeder Bewohner der Wichtelwelt kannte ihn nur unter dem Namen: der Bösewichtel!

Sein Herz war nicht aus Gold und nicht am rechten Fleck. Er war noch nicht einmal ein richtiger Wichtel, obwohl er sich der Bösewichtel nannte. Aber das war aber nur sein Künstlername! Sein Herz war links und es war aus Stein. Verbittert schaute der Bösewichtel in die Glut, als er sagte:

„Er hat uns gesehen, der Menschling! Als er in der Nachrichtenzentrale in die Kugel schaute, hat er uns gesehen! Kennt er unsere Pläne?“

Der Bösewichtel schaute in die Runde und sein Blick blieb auf einem Wesen hängen, das an Hässlichkeit nicht zu überbieten war. Es hatte kein Fell mehr. Bis auf eine Stelle auf dem Kopf. Nur dort sah man noch die schwarz-weißen Streifen und man konnte erahnen, dass es ein Stinktier war. Ein Stinktier mit Haarausfall. Aber wenn man ihm näher kam, wusste man sofort Bescheid. Es war ein Stinktier – zweifellos.

Sein großer Vorteil war: Dadurch, dass er keine Haare mehr hatte, war er ein wahrer Verkleidungskünstler, dem alle Perücken passten und der jedes Kostüm anziehen konnte. Und weil er als Kind in der Kirchenschule in der Theatergruppe war, konnte er nahezu perfekt verschiedene Rollen spielen. Selbst sein einziges Manko, seinen unangenehmen Körpergeruch, konnte er für sich ausnutzen. Denn immer, wenn er einem was ins Ohr flüsterte, vereinten sich sein fieser Mundgeruch und sein abscheulicher Ohrgeruch zu einem giftigen Gemenge, die seine Gesprächspartner in eine lange Ohnmacht fallen ließen. Deshalb stank auch sein Name zum Himmel, denn jeder in der Wichtelwelt kannte die eine oder andere schlimme Geschichte. Und in der Mehrzahl dieser schlimmen Geschichten tauchte er auf: der kahle Kurt.

Der Bösewichtel schaute ihn fragend an: „Kahler Kurt, was meinst du? Hat er unsere Pläne gesehen?“

Der kahle Kurt zischelte und schmatzte vor sich hin. Dann ließ er eine Wolke schlechter Luft ab, dass seine Kumpane noch etwas mehr von ihm abrückten. Dann sagte er:

„Alcho, fenn ihr mich fracht. Ich chage euch: Ter Menchlinch ich uncher Feind. Fier müchen ihn fernichten!“

Dabei zog er zischelnd und böse grinsend tief die kühle Waldluftein.

„Oter fach meint ihr Chwei?“

Die beiden Angesprochenen sahen sich finster an. Dann sagt der hässlichere von beiden:

„Grunz!“ Mehr wollte er auch nicht sagen. Denn der grantelnde Grunz hatte schon immer wenig gesagt. Er war eher ein Meister der Verstellung. Der grantelnde Grunz war ein Wildschwein. Aber er hatte ein Gebrechen: ein Holzbein. Aber dieses Holzbein nutzte er aus, um Wichtel zu ködern. Er setzte sich an die Straße und tat so, als wäre er eine arme Sau. Und wenn dann ein Wichtel kam, um ihm zu helfen, dann schnappte die Falle zu.

Der Vierte im Bunde war neu in der Gruppe. Er hatte eine gräuliche Farbe und auch er war nicht perfekt. Sein Rüssel war so lang, dass er am Boden schleifte. Deshalb dachte er sich: „Welche Sau will schon ein Wildschwein, das so einen langen Rüssel hat, dass er am Boden schleift?“ Also beschloss er, böse zu werden und sich der gemeinen Gang, so nannten sich die finsteren Gesellen um den Bösewichtel und dem kahlen Kurt, anzuschließen. Fortan ward er nur noch der rostige Rüssler genannt.

 

Der fiese Plan

„Ich klaube nicht, dass der Erdlink was kesehen hat“, schniefte der rostige Rüssler. Denn weil er so einen langen Rüssel hatte, hörte er sich beim Sprechen immer etwas verschnupft an. „Er scheint mir doch etwas dumm zu sein. Außerdem, was soll‘s ihn interessieren? Er hat kein Herz aus Gold, was man ihm stehlen kann!“

„Ok ok.“ zischelte der Bösewichtel, „Also gehen wir weiter nach folgendem Plan vor: Wir stehlen die goldenen Herzen der Wichtel und ersetzen sie durch Herzen aus Feigwurz. Die Feigwurz wird sie feige machen und sie werden unsere Diener. Dann gehe ich mit den Herzen in die Menschenwelt und verkaufe sie. Von dem Geld bauen wir in der Wichtelwelt Hotels und Swimmingpools und Riesenräder und Vergnügungsparks …“

„… und ganch fiele Tuftchprays chum friche Luft machen!“ unterbrach ihn der kahle Kurt. „Unt tann holen fir unch tie Tourichten auch tem Chlaraffenland unt ten anteren chönen Orten im Uniferchum. …“

„… und scheffeln eine Menke Kohle!“, ergänzte der rostige Rüssler schnüffelnd.

Der grantelnde Grunz spürte plötzlich in die Luft und sog tief die frische Waldluft ein:

„Ich rieche kleine Wichtel! Und ich weiß auch schon wo die stecken. Bestimmt hängen die wieder beim Weihnachtsmann rum. Vielleicht sollten wir gleich mit denen anfangen!“

„Aber wir müssen aufpassen! Der Weihnachtsmann ist gefährlich und trotz seines Gewichtes nicht zu unterschätzen!“ gab der Bösewichtel zurück.

„Alcho, wenn ihr mich fragt: mir chtinkt die Chache ganch gewaltich“, warf der kahle Kurt ein, „Fir chollten ercht tie anteren Fichtel aufs Korn nehmen. Unt for allen Tingen chollten fir ten Menchling nicht unterchätchen!“

„Seit wann bist du denn so ein Feiklink?“, schnüffelte der rostige Rüssler. „Du bist doch sonst immer der erste, der kanz schnelle Erfolke sehen will!“

„Ich hab ta halt cho eine Ahnung …und meine Ahnungen täuchen mich facht nie!“ Der kahle Kurt schaute in die Runde. „Ok, chtimmen fir ab. Fer ich tafür, tach fir chofort zuchlagen?“

Alle hoben die Hand. Der kahle Kurt gab sich geschlagen. „Ok, tann fangen fir halt chofort an. Aber tenkt an meine Forte!“

Alle taten so, als würden sie an seine Worte denken. Aber in Wirklichkeit war jeder dieser Schurken schon in Gedanken bei dem Geld, was sie für die goldenen Wichtelherzen bekommen würden. Die gemeine Gang löschte das Lagerfeuer und machte sich still auf den Weg zum Lager des Weihnachtsmannes.

 

Wie alles begann

Unsere Freunde Benny, Flinn, Tiki, Puck, Rollolo und der Weihnachtsmann saßen gut gelaunt um ihr Lagerfeuer und erzählten sich wichtelige, lustige und spannende Geschichten aus der wunderbaren Wichtelwelt. Dabei waren oft Abenteuer, die Tiki, Flinn und Puck erlebt hatten, nachdem sie mal wieder aus dem Kindergarten ausgebüchst waren, um anderen zu helfen. Und sie endeten meistens in irgendeiner Bredouille, aus die sie Rollolo oder Weihnachtsmann wieder befreien mussten.

Oft konnte Rollolo Schlimmeres verhindern, indem er die drei kleinen Ausreißer schon vorher wieder einfing und zurück in den kunterbunten Kindergarten schickte.

Oft halfen aber auch die Fähigkeiten Flinns, tolle Werkzeuge zu bauen oder die Stärke und die Kletterfertigkeiten von Tiki, den Dreien aus der Patsche, in die sie Puck – nicht immer, aber meistens – gebracht hatte.

Benny dachte den ganzen Abend schon über irgend etwas nach und er war nicht so ganz bei der Sache. Das merkten auch die Anderen, besonders Tiki, die mittlerweile eine tiefe Zuneigung für Benny empfand.

„Was ist los mit dir, Menschling? Worüber denkst du nach?“ fragte sie ihren Freund.

„Ach, ich frage mich die ganze Zeit, wie die Wichtelwelt entstanden ist. Und wo sie eigentlich ist. Jeder weiß, wo Afrika, Europa oder Emden ist. Aber wo liegt die Wichtelwelt? Und warum sind hier keine Menschenkinder oder überhaupt Menschen, wo es doch bei euch so toll ist?“

Benny blickte fragend in die Runde. Dann räusperte sich der Weihnachtsmann und atmete so tief ein, dass er noch einmal um einiges dicker wirkte.

„Also mein kleiner Menschenfreund, das ist eine lange Geschichte. Und dafür brauchen wir noch mal einige Plätzchen. Tiki, hol‘ doch mal den Sack da drüben. Da sind, glaube ich, noch ein paar Kekse drin.“

Tiki ging los und kam mit einem riesigen Sack voller Plätzchen zurück. Alle aßen ein paar und der Weihnachtsmann zirka das Doppelte.

„Nun gut“, sagte der Weihnachtsmann kauend. Dann strich er sich über den Bart und fing an:

„Vor langer, langer Zeit, als das Universum noch in den Kinderschuhen war, gab es nur das Nichts. Es war riesig. So viel Nichts auf einmal, hatte es bis dahin noch nie gegeben. Aber dem Nichts fehlte etwas und es war sehr traurig. Es rief daraufhin die beiden größten und bekanntesten Geister Ludger, den Luftgeist und Erich, den Elementargeist zu sich, um zu beratschlagen, was nun aus ihm, dem Nichts werden sollte.

„Ich bin nur ein Nichts“, sagte das Nichts traurig und dabei liefen ihm kein paar Tränen über die nicht vorhandenen Wangen. „Aber jeder will doch etwas sein. Jeder will doch etwas darstellen im Leben. Ich möchte nicht mehr, dass jeder durch mich hindurch guckt!“

„Aber aber“, meinte Erich, „niemand sieht durch dich hindurch. Es ist ja noch gar niemand da, der durch dich hindurchsehen könnte.“

„Außerdem bist du das tollste Nichts, das ich jemals nicht gesehen habe“, ergänzte Ludger, der Luftgeist, der ein wenig zum einschleimen neigte.

„Ok Jungs“, sagte das Nichts, „was machen wir?“

„Hm, ich kenne da ein paar Kinderschuhe. In denen steckt noch ein kleines Universum.“ sagte der Elementargeist grübelnd.

„Au ja, tolle Idee von dir!“ schleimte Ludgar, der Luftgeist, „Und wenn wir dieses Universum vor die Weltenuhr am Ende der Zeit werfen, könnten wir einen Uhrknall erzeugen.“

„Und dadurch würden ganz neue Welten erschaffen. Und diese Welten würden dich, das Nichts mit neuem Leben füllen und du hättest ganz viele tolle Planeten, mit denen du spielen könntest.“

„Hm … tss … gna, gna, tjä, tjä“, dachte das Nichts etwas lauter als üblich nach. „Aber wenn ich doch das Nichts bin, wie soll man das dann alles sehen? Und vor allem: wie kommt man da hin?“

„Da hast du natürlich Recht. Du bist wirklich sehr schlau … und klug.“ erwiderte Ludger, der Luftgeist. „Hmm…“

„Phantasie! Ganz einfach! Mit Phantasie!“ brüllte Erich, der Elementargeist. „Passt auf: Es gibt dich doch, sonst könnte man dich ja nicht Nichts nennen. Sobald etwas einen Namen hat, gibt es das auch! Und auch die neuen Welten wird es geben. Auch wenn sie im Nichts existieren, oder?“

„Stimmt! Und weiter?“, entgegnete das Nichts ungeduldig.

„Alle Lebewesen haben Phantasie. Und Träume und Gedanken. Damit können sie überall hin, wohin sie wollen. Denn für Phantasie, Träume und Gedanken gibt es keine Grenzen …“ Um sich wichtig zu machen, legte Erich eine kleine Pause ein.

„Ja und?“ fragte das Nichts und machte sich nicht vor Erwartung in die nicht vorhandene Hose.

„Also – wenn es dich gibt und das neue Universum, was in dir entsteht, dann kann man es auch erreichen und sehen und darin herumreisen – in seinen Gedanken, Träumen und in seiner Phantasie. Und niemand braucht lange zu reisen. Man wäre sofort da, wenn man will.“

„Au ja! So machen wir’s!“ brüllte das Nichts vor Begeisterung.

Ludger war so sprachlos, dass ihm keine passenden Worte zum Einschleimen einfielen.

Das Nichts grübelte etwas. Dann sagte es ernst:

„Ok, aber in dieses Universum dürfen keine erwachsenen Menschen. Nur Kinder!“ Seht euch die Erde an und was diese Erwachsenen daraus gemacht haben. Die sollen mir nicht in meinem eigenen Universum die gute Luft verpesten. Wenn ich nicht so ein Nichts wäre hätte ich schon längst etwas gegen diese Erwachsenen unternommen. Aber so kann ich nun mal nichts dagegen machen.“ sagte das Nichts traurig. „In meinen Welten und Universen sollen Liebe und Verständnis herrschen. Die Lebewesen sollen einander helfen. Und alle, die sich über Generationen daran halten, bekommen ein Herz aus Gold.“

„Das ist eine sehr gute Idee. So eine gute Idee hätte ich niemals haben können!“ schleimte Erich, der Elementargeist.

„Ok, so soll es den geschehen!“ befahl das Nichts. Sofort nachdem sie sich aus dem ganzen Schleim, den Erich verspritzt hatte, herausgearbeitet hatten, holten Ludger und Erich, die beiden Geister, das kleine Universum aus den Kinderschuhen und warfen es gehen die Zeitenuhr am Ende aller Zeiten. Es gab so einen lauten Knall, dass die Menschen auf der Erde dachten, ein Düsenjäger hätte die Schallmauer durchbrochen.

Aus diesem Uhrknall entstand ein neues riesiges Universum im Nichts. Mit endlosen Welten und sagenumwobenen Galaxien. Und in der schönsten dieser Galaxien, der Wuchtel-Galaxie, entstand ein bunter Planet mit den liebenswertesten Lebewesen im ganzen Universum: die wunderbare Wichtelwelt.

Und weil die Wichtel sich über Generationen an die goldenen Regeln des Nichts hielten, die da waren: Liebe, Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit, Freiheit, Offenheit und gegenseitiger Respekt, bekamen die Wichtel im Laufe der Zeit zu Belohnung ein Herz aus Gold.

Das Feuer knackte leise und wie zur Bestätigung passierte erst mal einen Augenblick lang nichts. Selbst die Uhren blieben eine Zeit lang stehen. Dann schaute Benny den Weihnachtsmann an und sagte: „Uff!“

Der Weihnachtsmann grunzte etwas in seinen Bart, was wie „Sauerbraten“ klang, aber bestimmt anders gemeint war. Dann wischte er sich heimlich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„So, und jetzt wird aber gefeiert. Sind eigentlich noch Plätzchen da?“

Der Eingang

„Eine Frage habe ich noch!“, sagte Benny und schämte ich ein wenig dafür: „Was heißt eigentlich Selbstlos?“

„Weißt du“, sagte der Weihnachtsmann, „das heißt einfach, jemandem etwas zu geben, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Jemandem zu helfen, nur weil man es gerne tut. Jemandem etwas zu schenken, was er sich selber nicht leisten kann, weil er zu arm ist. Und die einzige Gegenleistung, die man dafür erhält, ist die Dankbarkeit, die einem das Herz wärmt und die Härchen am Arm zu Berge stehen lässt – manchmal. Und weißt du, weshalb du dieses Wort Selbstlos nicht kennst? Weil ihr Menschen es schon lange vergessen habt. Wie ihr nur an Fremdwörter denkt, wie Rendite oder Profit. Ihr Menschlinge fragt euch immer: „Und? Was bekomme ich dafür?“

„Ups“, dachte sich Benny, „ich habe noch den ganzen Keller voller alter Sachen, die noch wie neu aussehen und ich nicht mehr brauche. Vielleicht kann ich ja jemandem damit eine Freude machen?“

„Du hast gefragt, weshalb hier so wenige Menschlinge sind, kleiner Freund.“, fuhr der Weihnachtsmann fort, „Ganz einfach! Weil sie keine Phantasie mehr haben. Und weil ihre Wünsche sich nur um Reichtum und Macht drehen. Und weil sie keine Freunde mehr haben, die ihnen selbstlos helfen, wenn es ihnen schlecht geht. Deshalb haben sie Alpträume und können nicht schlafen. Weil sich alles nur um sie selber drehen soll. Und dabei wird ihnen manchmal schwindelig und sie halten sich an Dingen fest, die nicht gut für sie sind.“

„Ach so“, sagte Benny schuldbewusst. Denn er konnte sich an einige Situationen erinnern, wo er auch nicht gerade selbstlos gehandelt hatte. Zum Beispiel wenn er seiner Mutter nur half, um mehr Taschengeld oder ein Geschenk dafür zu bekommen. Ihm wurde ganz übel, als er daran dachte.

„So haben sich die Menschen mit der Zeit einen Panzer aus Eis und Kälte um ihre Gefühle gebaut. Nur ganz selten, wenn es ihnen ganz schlecht geht und sie nicht mehr weiter wissen, schmilzt das Eis und wir hören sie hier in der Wichtelwelt. Und nur wenn wir sie hören, können wir ihnen helfen.“

Der Weihnachtsmann schaute Benny freundlich an und streichelte ihm über den Kopf: „Du bist ein guter Junge. Bleib‘ so, wie du bist.“

Tiki, Flinn und Puck nickten zustimmend und lächelten zu Benny hinüber.

Tiki nahm Benny bei der Hand und sagte: Eine Antwort fehlt noch! Du kannst jederzeit in die Wichtelwelt kommen, denn sie ist in deiner Phantasie. Du musst einfach nur die Augen schließen, ganz fest an uns denken und drei Mal sagen:

1, 2, 3 wichtelige Wichtelei – wunderbare Wichtelwelt komm‘ herbei!

Aber diese Antwort kanntest du ja schon.

Benny dachte stumm nach. Plötzlich hatte er sehr große Sehnsucht nach seiner Mutter.

„So langsam muss ich wieder nach Hause!“, sagte er leise.

„Ok, es ist spät und auch die kleinen Wichtel müssen so langsam ins Bett.“ Rollolo stand auf und schüttelte sich einen Berg von Plätzchenkrümeln aus dem Fell. Dann machte er ein paar Dehnübungen.

Tiki, Flinn und Puck erhoben sich und nahmen den Weihnachtsmann zum Abschied in den Arm. Dann kletterten sie auf Rollolos Rücken. Der Weihnachtsmann winkte ihnen lange nach, bis sie im Gebüsch verschwanden. Dann rümpfte er die Nase. Ein eigenartiger Geruch stieg zu ihm auf und der verhieß nichts Gutes. Also nahm er seinen Sack, packte einen dicken Knüppel hinein und machte sich auf den Weg.

 

Eine übler Hinterhalt

Rollolo und seine Freunde kamen gut voran. Aber hinter einer Biegung des Pfades sahen sie etwas Komisches über den Boden kriechen. Es sah aus, wie ein verletzter Wipfelwelf, eine sehr seltene Vogelart, die normalerweise nur auf den Wipfeln des Wuselwaldes lebt und lauthals Wanderlieder singt.

„Ui ui ui“, sagte Rollolo, „Sieht aus, wie ein verletzter Wipfelwelf. Wahrscheinlich hat er so laut gesungen, dass ihn die Haselhörnchen mit Tannenzapfen beworfen haben. Gut, dass wir zufällig vorbei kommen.“

Benny und seine Freunde kletterten von Rollolos Rücken und eilten zu dem verletzten Vogel. Flinn meinte mit erwachsenen Kennerblick: „Da hilft nichts. Wir müssen Mund zu Mund Beatmung machen.“ Dabei guckte er Puck an.

Puck freute sich. Denn er hatte im Kindergarten gerade einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. „Oioioi“, dachte er, „irgendwie kann man im Kindergarten ja doch Sachen lernen, die man später einmal braucht.“ Dann watschelte er zu dem Verletzten.

Benny beobachtete, wie Puck sich über den Vogel beugte und dann langsam zu Boden sank. „Irgendwas stimmt hier nicht“, dachte er, „was müffelt denn hier so?“

Als Flin und Tiki sahen, dass der kleine Puck zu Boden sank, rannten sie schnell zu ihm hin. Sie beugten sich zu ihm hinunter.“ Ein ekliger Gestank umgab sie. Und sie hörten eine zischelnde Stimme: „Ihr Fichtel, cho chnell geht’s. Gerate noch frei, chon in ter Falle!“

„Der kahle Kurt …“, dachten beide nur voller Schrecken. Dann vielen auch sie in Ohnmacht.

Benny wusste plötzlich, was er zu tun hatte. Er nahm einen großen Stock und lief zu dem scheinbar verletzten Vogel. Als der plötzlich aufstand und sein Gefieder wegwarf. Vor ihm stand nun ein nacktes, stinkendes Etwas, was aussah, wie ein Stinktier ohne Fell – was es ja auch war. Das Stinktier streckte Benny zur Begrüßung die Hand entgegen.

„Gechtatten, man nennt mich den kahlen Kurt!“

Benny raste vor Wut. Er schwang seinen Stock und wollte auf den kahlen Kurt los gehen. Doch bevor Benny richtig zuschlagen konnte, traf ihn etwas von hinten am Kopf und ihm wurde schwarz vor den Augen.

 

Gefangenschaft

Als Benny seine Augen aufschlug, lag er gefesselt auf einer Lichtung. In der Mitte brannte ein kleines Feuer. Rollolo hing mit zusammengebundenen Läufen an einem Baum. Voller Panik sah sich Benny nach seinen Freunden um. Dann sah er sie: Sie lagen neben diesem dunkel gekleideten Wichtel, der laut auf sie einredete.

„Na, ihr kleinen Wichtelkinder? Kennt ihr mich noch? Ihr habt mich mal in die Wichtelwelt geholt, als ich nachts ins Bett gemacht habe, weil ich Angst vorm schwarzen Mann hatte. Aber ihr habt mich betrogen! Der schwarze Mann war nur mein Vater. Und ihr seid die einzigen, die wissen, dass ich ins Bett mache. Deshalb muss ich jetzt zur Strafe euer goldenes Herz wegnehmen.“

Der grantelnde Grunz und sein Kumpel, der rostige Rüssler lachten böse.

„ … und eure koldenen Herzen machen wir zu Kelt!“ schnüffelte der rostige Rüssler, um den kleinen Wichteln mal so richtig Angst zu machen.

„Chei chtill, tu Tummkopf! Choncht gips heut kein Apentprot!“ Der kahle Kurt zischelte böse weiter vor sich hin, was Benny aber aus der Entfernung nicht verstand.

„Jetzt weiß ich, wer du bist. Du bist der kleine Michael, der jede Nacht gejammert hat.“ Tiki war jetzt richtig angefressen und scherte sich nicht darum, dass sie gefesselt war. „Und als wir dir die Geschichte von unseren goldenen Herzen erzählt haben, warst du plötzlich verschwunden.“

Der Bösewichtel lachte böse. „Ha ha ha, was seid ihr doch doof. Meint ihr wirklich, dass ihr mit eurem Liebe- und Selbstlos-Getue weiter kommt? Die Zeiten haben sich geändert. Das Gute siegt nicht mehr!“

 

Der Verrat

„Jou jou jou!“ Flinn blickte den Bösewichtel fest in die Augen. „Da hast du voll recht. Wenn du mich leben lässt, dann helfe ich dir! Ich kann dies dummen Wichtel eh nicht mehr leiden. Ich will reich sein und bösartig. Was soll ich mit einem goldenen Herzen? Ein Herz aus Stein, so wie du es hast, das will ich haben.“

Puck und Tiki sahen Flinn entsetzt an.

„D…das ist doch nicht dein Ernst? Flinn!“ Tikis Mund bebte, so sehr hielt sie die Tränen der Enttäuschung zurück.

„Oioioi, Flinn. Ich dachte immer, du wärst mein allerwichteligster Freund.“ Puck weinte still in sich hinein. Und am meisten ärgerte ihn, dass alle seine Tränen sehen konnten. Denn er konnte sie mit seinen gefesselten Händen nicht abwischen.

„Papperlapapp!“ antwortete Flinn hart und machte eine Grimasse, die wohl Ekel zeigen sollte.

„Ich kann euch schon lange nicht mehr sehen. Und schon gar nicht, seitdem dieser Menschling hier ist. Der hat euch doch den Kopf verdreht. Besonders dir, Tiki!“

Tiki fauchte Flinn böse an: „Wenn ich nicht gefesselt wäre, ich würde dich ….“, weiter kam sie nicht. Denn auch ihr liefen plötzlich die Tränen übers Gesicht. Benny merkte, wie sehr ihn diese Tränen schmerzten und er schwor sich: „Wenn ich hier lebend raus komme, dann gebe ich ihr einen Kuss auf die Backe, der sich gewaschen hat.“

„Du bist also endlich vernünftig geworden?“ Der Bösewichtel sah Flinn besserwisserisch an. „Dann beweise es mir!“

Er nah ein Messer und schnitt Flinn die Fesseln durch.

„Was soll ich machen?“ Flinn rieb sich die schmerzenden Handgelenke. „Sags mir und ich tu’s!“

„Picht tu verrückt? Tach kanncht tu nicht machen! Pinte ihn chofort fieter an!“ Der kahle Kurt sprang aus und lief zum Bösewichtel Nicht ohne noch einmal eine große Portion schlechter Luft abzugeben.

Dem grantelnden Grunz und dem rostigen Rüssler, die in der Nähe saßen wurde ganz mulmig und sie fühlten sich plötzlich schwerelos von dem Gestank. Der grantelne Grunz stieß schwach ein grantelndes „Grunz“ aus.

Flinn sah den Bösewichtel an: „Sag‘ endlich, was soll ich tun?“

„Geh‘ zu diesem Menschen dort und lasse ihn für immer verschwinden!“ der Bösewichtel zeigte hasserfüllt auf Benny.

„Kein Problem!“, sagte Flinn, „Was soll ich tun? Ihn in Luft auflösen? Oder in einen quengeligen Quint verwandeln? Oder soll ich ihn in Stein verwandeln? Dann haben wir eine schöne Statue hier im Wald.“

„Mach‘ was du willst! Hauptsache, er ist danach kein Menschling mehr!“ Der Bösewichtel gab Flinn einen solchen Stoß in Richtung Benny, dass er einige Meter durch die Luft segelte und dann hart auf dem Waldboden landete. Flinn brauchte einige Zeit, um sich aufzurappeln.

„Flinn! Das verzeihe ich dir nie …“ Tiki zerrte wild an ihren Fesseln. Puck rollte sich zu ihr hinüber und versuchte, sie zu trösten.

Benny sah, wie Flinn mit wiegenden Schritten auf ihn zu kam. „Jetzt ist es gleich vorbei …“, dachte er. Aber als er genauer hinsah, bemerkte er, dass Flinn in Windeseile etwas vor seinem Bauch bastelte, so, dass die Bösen hinter ihm nichts sehen konnten.

Dann beugte sich Flinn zu ihm hinunter und brüllte: „Jetzt mache ich dich fertig, Menschling!“, aber dann flüsterte er leise: „Hier, ich löse deine Fesseln etwas, dann kannst du sie über die Hände streifen. Und hier habe ich dir aus Ästen ein Holzschwert gebastelt. Wenn du es vor deine Stirn hältst und dabei sagst: Wichtel, wird zum Stichtel!, dann verwandelt es sich in ein spitzes Messer. Damit kannst du den anderen helfen.“

„Aber, was wird aus dir?“ fragte Benny.

„Ich werde versteinern. Denn ich lüge die ganze Zeit. Und du weißt ja: Wenn Wichtel lügen, verwandelt sich ihr Herz zu Stein. Ich kann dir also nicht weiter helfen. Also beeile dich. Ich werde versuchen, den kahlen Kurt noch etwas zu provozieren, damit er noch ein paar Gerüche ablässt. Er sitzt wieder neben dem grantelnden Grunz und dem rostigen Rüssler. Die Abgase werden sie kampfunfähig machen. Und dann musst du handeln. Befreie zuerst Tiki. Sie ist sehr stark!“

Benny sah Flinn tief in die Augen. Dann sagte er nur: „Danke.“

Flinn stand auf und rief: „So, das war‘s. Der Menschling wird sich langsam in eine Steinstatue verwandeln. Dann richtete er Benny aus und lehnte ihn wie eine Statue an den Baum. Benny machte sich ganz steif, damit er auch wirklich wie eine Statue wirkte. Dabei streifte er sich langsam seine Fesseln über die Hände.

Flinn ging zurück zu Feuer und spuckte hinein.

„So, das wär’s.“ Dann schaute er den kahlen Kurt an, der neben Grunz und dem Rüssler saß.

„Hey, Glatze! Was sagst du nun? Mann, du bist so hässlich, dass ich mich frage, ob dein Vater kein narkotischer Nacktmull war.“

Der kahle Kurt fuhr empört hoch. Dabei ließ er noch einen ekeligen Wind ab, den Grunz und der Rüssler voll mitbekamen. Wankend saßen sie auf ihren Steinen. Ihnen wurde plötzlich sehr übel. „Fach chagcht tu ta? Tu elenter Furm! Ich ferte tich fertich machen!“

Flinn schaute den Bösewichtel überheblich an. „Was willst du denn mit so einem? Der ist nicht nur hässlich, der kann noch nicht mal richtig sprechen!“ Flinn merkte plötzlich, dass sein Herz bei dieser Beleidigung sehr schwer wurde. Er hatte nicht mehr viel Zeit.

Der Bösewichtel sah ihn an. Was ist kos mit dir? Kannst du etwa den Geruch vom kahlen Kurt nicht vertragen? Flinn ging am Bösewichtel vorbei um das Feuer herum. Als er bei Tiki und Flinn vorbei kam, flüsterte er: „Verzeiht mir!“ Dann warf er sich mit letzter Karft auf den kahlen Kurt. Sein Herz war zu Stein geworden. Und deshalb lag er so schwer auf Kurt, dass der sich nicht mehr rühren konnte. Aus lauter Wut ließ er nochmal einen fahren. Das gab dann auch dem grantelnden Grunz du dem rostigen Rüssler den Rest. Langsam sackten sie in sich zusammen.

 

Tiki

Der Bösewichtel erschrak, als er Flinn auf dem kahlen Kurt liegen sah, und stürzte hinzu um Kurt zu befreien. Auf diese Gelegenheit hatte Benny gewartet. Er legte das Holzmesser an die Stirn, das Flinn gebastelt hatte und sagte schnell: „Wichtel wird zum Stichtel!“

Das Holzmesser verwandelte sich in einen Sitzen und scharfen Dolch. Dann rannte Benny los zu Tiki und schnitt ihr schnell die Fesseln durch. Danach befreite er Puck, der ein lautes „Oioioi!“ ausstieß. Dann spurtete Benny auf den Bösewichtel zu.

Aber der Bösewichtel war nicht nur böse, sondern auch blitzschnell. Und schon kämpften die beiden einen verbissenen Kampf.

Tiki war sofort aufgesprungen und superschnell auf den Baum gekletter, an dem Rollolo hing. Sie ließ ihn hinunter und setzte ihn sacht auf dem Boden ab. „Ui ui ui“, sagte Rollolo verdattert. Dann rannte er zu Puck, um ihm zu helfen.

Mittlerweile war Tiki an den Kämpfenden vorbei geeilt. Und hatte den grantelnden Grunz und den rostigen Rüssler gefesselt. Dann eilte sie zurück um Benny zu helfen. Das war auch höchste Zeit, denn Benny konnte sich kaum noch wehren. Und er musste einsehen: der Bösewichtel war sehr stark.

Dann aber sah er Tiki hinter dem Bösen auftauchen. Sie packte ihn beim Kragen. hob ihn hoch, wie eine Feder und schmiss ihn in weitem Bogen über die Lichtung. Der Bösewichtel landete direkt im offenen Sack des Weihnachtsmannes. Denn auch der Weihnachtsmann war mittlerweile angekommen. Und er sagte sich im Stillen: „Vielleicht sollte ich doch weniger Plätzchen essen und etwas mehr trainieren. Das wäre gut für meine Kondition.“

Während er so dachte, stopfte er auch die bewusstlosen Grunz und Rüssler noch mit in den Sack. Wäre jetzt jemand auf die Idee gekommen, mit dem Knüppel drauf zu schlagen – er hätte immer den Richtigen getroffen.

 

Puck

Flinn lag am regungslos auf der Wiese neben dem Feuer. Tiki kniete vor ihm und weinte still. Benny nahm sie in den Arm und ersuchte, sie zu trösten. Obwohl er wusste, dass das keinen Sinn hatte. Der kleine Puck watschelte traurig hin und her. Rollolo wusste nicht was er tun sollte und sagte immer wieder: „Ui ui ui, was für eine Katastrophe. Ui ui ui!“

„Es tut mir leid?“ sagte Benny. „Ich habe ihn immer für einen Angeber gehalten und konnte ihn nicht so gut leiden, wie dich. Wie kann ich das nur wieder gut machen?“

„Ist schon gut“, Tiki nahm Bennys Hand und streichelte sie, „Ich habe mich auch oft über ihn aufgeregt. Und ich habe ihm misstraut. Das hätte ich niemals tun dürfen.“

Puck hatte sich einen Stock geholt und stocherte traurig in der Glut herum, Dann wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht. Er drehte sich zu Tiki und Benny. Dann sagte er ernst: „Oioioi, was für ein Tag. Heute Morgen haben wir noch gelacht. Und heute Abend ist es andersherum. Das finde ich nicht angemessen, für diese Situation!“ Dabei schaute er so ernst, wie er noch nie aus der Wäsche geschaut hatte.

Als Benny den kleinen Puck so vor sich sah, mit dem ascheverschmierten Gesicht, der ernsten Miene und den gesetzten Worten, konnte er nicht anders.

Er fing an, zu lachen. Und plötzlich viel alles von ihm ab: Die Anspannung, der Stress, die Trauer und … die Angst. Und er lachte und lachte und sein Lachen war so ansteckend, dass alle mit lachen mussten. Rollolo lachte, dass ihm das Geweih rappelte und Tiki und Flinn lagen sich in den Armen und lachten auch.

 

Flinn

Der Weihnachtsmann hielt sich den Bauch und sagte glucksend: „Mein lieber Benny, dein Lachen könnte sogar Steine erweichen.“

Plötzlich waren alle still. Doch ein leises Lachen drang zu ihnen. Erst schien es so, als käme es aus dem Nichts. Dann kam es immer näher und näher. Bis es langsam von unten zu ihnen hoch drang. Und als sie hinab sahen, lag da Flinn und hielt sich den Bauch, aber nicht vor Schmerzen. Bennys Lachen war einmal durchs Universum gereist, hatte das Nichts angesteckt und Flinns Herz erweicht. Jetzt strahlte es wieder im goldenen Glanz.

Alle sprangen auf Flinn und küssten und herzten ihn. Und Flinn fand besonders die Küsse von Tiki sehr angenehm. Als alle glücklich um Flinn standen, fragte Rollolo auf einmal: „Ui ui ui, wo ist eigentlich der Bösewichtel?“

Der Weihnachtsmann stürzte zu seinem Sack. Er war leer. Sie hatten vergessen, den kahlen Kurt mit hinein zu tun, als sie Flinn von ihm herunter gerollt hatten. Danach musste er in dem Trubel um Flinn seine Kumpane befreit haben. Jetzt waren sie fort und über alle Berge. Das wussten unsere Freund bestimmt, denn es lag kein Geruch mehr in der Luft.

 

Abschied

Müde und erschöpft kamen Rollolo, Benny und seine Freunde Tiki, Flinn und Puck in Mützelbach an.

„Was für ein Tag“, dachte Benny. Und dann dachte er: „Und was für tolle Freunde!“

Er verabschiedete sich von Rollolo und streichelte nochmal sein Fell. Rollolo sagte: „Mach’s gut, altes Haus und komm‘ bald mal wieder rein.“ dann flüsterte er ihm zu: „Und geh‘ immer schön in den Kindergarten, sonst bringe ich dich persönlich hin.“

Benny war zu müde, um ihm zu sagen, dass er schon in die erste Klasse der Schule ging.

Dann nahm er den kleinen Puck auf den Arm und krabbelte ihm die Nase. „Mach’s gut, kleiner Puck. Bis bald!“

„Oioioi, dann besuchen wir mal das Wichtelwunschbüro. Das ist gaanz wichtelig und wird dir gefallen!“

„Das Wichtelwunschbüro? Was ist das denn?“ fragte Benny neugierig.

Flinn reichte Benny die Hand. Dieses Mal, ohne den Erwachsenen zu spielen.

„Mach’s gut Benny. Das mit dem Wichtelwunschbüro erklären wir dir, wenn du das nächste Mal kommst. Und darauf freue ich mich schon.“ Dann drückte er Benny fest an sich.

Tiki fasste Benny an der Hand und streichelte ihm durchs Gesicht.

„Genau kleiner Menschling. Dass mit dem Wichtelwunschbüro ist eine andere Geschichte. Und versprich‘ mir, dass du wieder kommst.“ Tiki schaute schüchtern zu Boden.

Benny fasste zart unter hier Kinn und drehte Tikis Gesicht zu ihm. Dann gab er ihr einen dicken Kuss auf beide Wangen. Dabei wurde ihm ganz komisch und am liebsten hätte er immer so weiter gemacht.

„Versprochen! Ich komme wieder.“, sagte er mit zittriger Stimme, „Und jetzt müsst ihr mir nur noch sagen, wie ich wieder nach Hause komme.“

Die drei kleinen Wichtel schauten Benny erstaunt an: „Du dummer Menschling. Du bist doch zu Hause! Nur nicht in deinem Bett.“

Puck schaute Benny an: „Sprich mir nach:

Wichtelige Wichtelei – nach Hause geh‘ ich 1, 2, 3!

Benny winkte seinen Freunden noch einmal zu. Dann schloss er die Augen und sagte:

„Wichtelige Wichtelei – nach Hause geh‘ ich 1, 2, 3!

 

Alles ist gut

Wie beim ersten Mal drehte sich alles um ihn herum. Nur diesmal in die andere Richtung. Und als Benny die Augen aufschlug, lag er bei sich im Bett. An seinem Bein klebte noch ein kleiner Rest Stoff. Der Rest des kleinen WichtelAnzugs lag zerrissen neben ihm. Schnell schlüpfte Benny in seinen Schlafanzug. Er überlegte, ob er wohl genügend Kekstaler auf dem Konto hätte, um sich in der wunderbaren Wichtelwelt ein paar Anzüge zu kaufen.

Schnell fasste er in die Tasche des zerrissenen Anzugs und holte die 500 winzigen Kekstaler hervor. Er legte sie in seine kleine Spielzeug-Piraten-Schatzkiste. Dann überlegte er sich, wie er seine fast unbenutzten Spielsachen, die er nicht mehr brauchte, an die Kinder bringen konnte, die auch damit spielten. Vielleicht sollte er ja ein Wunschbüro eröffnen …?

Benny schaute auf seinen Wecker und mit Erstaunen sah er, dass erst eine Stunde vorbei war, seitdem er in die Wichtelwelt gegangen war. Das hieß: Ein Wichteltag ist eine Menschenstunde. Gur zu wissen.

Als er sich gerade in sein Kissen kuscheln wollte, ging leise die Kinderzimmertür auf und seine Mama kam zu ihm ans Bett. Sie streichelte über seinen Kopf und strich ihm zärtlich eine Locke aus dem Gesicht. Dabei bemerkte Benny, dass seine Mama weinte.

Langsam setzte er sich auf und nahm ihr Gesicht in beide Hände. Dann sagte er:

„Du darfst heute Nacht bei mir schlafen.“

Seine Mama legte sich zu ihm und nahm ihn ganz fest in den Arm. Dann schliefen sie ein.

© Andreas Franke

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