{"id":338,"date":"2019-02-22T16:47:40","date_gmt":"2019-02-22T15:47:40","guid":{"rendered":"http:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=338"},"modified":"2019-02-22T16:55:52","modified_gmt":"2019-02-22T15:55:52","slug":"eine-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=338","title":{"rendered":"Eine Liebe"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb_share_1\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a name=\"fb_share\" type=\"box_count\" share_url=\"https:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=338\" href=\"http:\/\/www.facebook.com\/sharer.php\">Share<\/a><\/div><div><script src=\"http:\/\/static.ak.fbcdn.net\/connect.php\/js\/FB.Share\" type=\"text\/javascript\"><\/script><\/div><p>Es war kalt und die eisige K\u00e4lte kroch durch jede Ritze ihrer Uniformen. Das Warschauer Ghetto sollte aufgel\u00f6st werden. Der Befehl sorgte f\u00fcr schlechte Stimmung unter den Soldaten. Seit zwei Tagen hallten die Todessch\u00fcsse der Erschie\u00dfungskommandos durch den kalten polnischen Winter.<\/p>\n<p>Er war Kommandant einer dieser Todesbrigaden. Die Opfer kamen in endlosen frierenden Schlangen aus der \u00f6den Stadt, mussten ihre Kleider abstreifen und sich, zitternd vor K\u00e4lte und Angst, vor der Grube in Stellung bringen. Immer zu zehnt. Nebeneinander warteten sie dort, allein, jeder f\u00fcr sich, hielten sie ihre H\u00e4nde.<\/p>\n<p>Die jungen Soldaten zielten kurz, bis er das Kommando zum Schuss gab. Getroffen fielen die Geschundenen auf ihre Glaubensbr\u00fcder in die Grube, die sie einige Tage vorher unter entsetzlichen Anstrengungen selbst ausgehoben hatten. Dann ging er am Rand des Massengrabes entlang und gab denen, die scheinbar noch lebten, einen gezielten Gnadenschuss. Wenn ein Grab voll war, wurde das n\u00e4chste eingeweiht. Er hasste diesen Job, aber &#8222;er musste halt getan werden&#8220;.<\/p>\n<p>Am dritten Tag war sie ihm aufgefallen. Sie stand dort, zitternd, in einer Gruppe ausgemergelter Frauen und Kinder und sah zu ihm hin\u00fcber. Ihre schwarzen Augen sahen ihn direkt an. Er nahm ein St\u00fcck Brot, ging zu ihr hin\u00fcber und hielt es ihr hin.<\/p>\n<p>Sie hatte ihn nicht einmal aus den Augen gelassen, und er hatte ihren Blick erwidert. Als sie das Brot annahm, ber\u00fchrten sich ganz leicht, nur f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde, ihre Finger. Es war wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der in ihm einschlug. Augenblicklich zog er sich zur\u00fcck, und ging, w\u00e4hrend er seinen Handschuh \u00fcber die gl\u00fchenden Finger streifte, zu seinem Stab.<\/p>\n<p>Den ganzen Tag verbrannten ihre Blicke seinen Nacken, w\u00e4hrend er Kommandos und Todessch\u00fcsse erteilte.<\/p>\n<p>In der Nacht musste er an sie denken, wie sie dort in bitterkalter Dunkelheit hinter diesem Gatter verharrte, unter Ihresgleichen, auf den Tod wartend.<\/p>\n<p>Nie hatte er ein Weinen oder einen Laut des Schmerzes geh\u00f6rt. Die einzigen Ger\u00e4usche in diesen Tagen waren die todbringenden Salven aus schweren Gewehren oder die vereinzelten Sch\u00fcsse aus seiner Armeepistole.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Langsam stand er auf, zog sich an und stapfte zum Gatter hinauf, das in Blickn\u00e4he der Gr\u00e4ber die \u00dcbriggebliebenen f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag umz\u00e4unte.<\/p>\n<p>Als er sie dort sah, schlaf- und heimatlos, nahm er sie bei der Hand, gab der Wache ein Zeichen und ging bangen Herzens mit ihr in sein Zimmer. Dort fachte er den Ofen an, gab ihr einen hei\u00dfen Kaffee, und nahm sie zu sich unter die einsame Decke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kein Wort fiel in dieser Nacht, in der die beiden, Arm in Arm, fest umschlungen, auf den Morgen warteten. Er weinte und sie trocknete seine Tr\u00e4nen als er sich zitternd an sie schmiegte.<\/p>\n<p>Am Morgen war sie verschwunden. Doch im Bett hatten ihr Duft und ihre W\u00e4rme \u00fcberlebt. Als er ans Gatter kam, sah er sie wie am Vortag unter den ihren hocken, und ein ewiger Stein legte sich in seinen Magen.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag, die Sonne f\u00e4rbte das wei\u00dfe Land blutrot, war sie an der Reihe.\u00a0\u00a0Keine Sekunde lang hatten sich ihre Blicke an diesem Tag verloren, und als sie dort nackt und unschuldig, zitternd vor ihm am Grabesrand stand, nahm er einem seiner Soldaten das Gewehr aus der Hand, stellte sich ihr gegen\u00fcber, legte an und als sie Aug\u00b4in Aug\u00b4dort standen, l\u00e4chelte sie.<\/p>\n<p>Ein zartes, kleines, zitterndes Bewegen ihrer Mundwinkel und die Zeit stand f\u00fcr einen Moment still.<\/p>\n<p>Als sie bereit waren, dr\u00fcckte er ab. Wie in Zeitlupe zerriss das Projektil ihre Brust und warf Ihren wei\u00dfen Leib hinunter zu den anderen, die sie, wie ein Fluss einen Regentropfen, in ihr kaltes Bett nahmen.<\/p>\n<p>In dieser Nacht hielt er Totenwache. Er nahm ihren gefrorenen K\u00f6rper in seine Arme und sah in ihre toten, sch\u00f6nen Augen, und es war ihm, als l\u00e4chele sie ihn immer noch an.<\/p>\n<p>Am zweiten Abend hatten sich kleine glitzernde Bl\u00e4tter auf ihrem Leichnam ausgebreitet und im Mondlicht erschien ihm seine Liebe wie ein Engel, und er wusste, dass er nie wieder eine andere Frau ansehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In der dritten Nacht hatte ein feiner, eiskalter Wind sie in eine Decke aus feinem pulverigen Schnee geh\u00fcllt und ihre schwarzen Augen, tot und leidend, brennend und liebend, sahen zu ihm auf. Dieses Bild brannte sich f\u00fcr immer in seine Seele. Ein letztes Mal stieg er hinunter, \u00fcber die gefrorenen K\u00f6rper hinweg zu ihr, und sah sie an.<\/p>\n<p>Seine ewige Liebe, Tr\u00e4nen froren zu Eis und fielen wie kleine Diamanten hinunter auf ihr sch\u00f6nes Gesicht, zersprangen dort zu Kristallen und wurden vom eisigen Wind mit all den anderen Myriaden Tr\u00e4nen vereint, die in diesen Tagen \u00fcber eine tote Welt wehten.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag wurden sie abberufen und durch einen neuen Haufen M\u00f6rder ersetzt.<\/p>\n<p>Sie aber war von nun an seine st\u00e4ndige Begleiterin. Nie mehr war er ohne sie. Er suchte sich nach dem Krieg eine kleine abgeschiedene Wohnung und eine Arbeit als Pf\u00f6rtner, um so mit ihr allein zu sein.<\/p>\n<p>Er kaufte ein ger\u00e4umiges Ehebett, deckte den Tisch immer f\u00fcr zwei, las Ihr morgens aus der Zeitung vor und machte ihnen abends ein warmes Essen. Dann legten sie sich gemeinsam zu Bett und schmiegten sich fest aneinander.<\/p>\n<p>Er war gl\u00fccklich. Manchmal nahm sie ihn nachts mit auf lange Reisen in ferne L\u00e4nder, die er noch nie gesehen hatte, oder tanzte mit ihm auf lautlosen Partys mit eigent\u00fcmlichen G\u00e4sten in den fr\u00fchen Morgen.<\/p>\n<p>Er liebte sie und manchmal meinte er, der einzige Mensch zu sein, der jemals geliebt hatte in dieser grausamen Welt.<\/p>\n<p>So wurde er alt mit seiner gro\u00dfen Liebe, oder &#8230;er wurde alt, denn sie war immer sch\u00f6n und ihre Augen hatten ihren Glanz von damals nicht verloren.<\/p>\n<p>Er brauchte jetzt nicht mehr zu arbeiten und verbrachte so immer mehr Zeit mit ihr. Nachts erz\u00e4hlte sie ihm Geschichten von einem Volk, das vertrieben, verfolgt und get\u00f6tet wurde. Dann musste der alte Mann weinen. Und sie weinte mit ihm und sie hielten sich fest, ganz fest umschlungen. Nahmen sich bei den H\u00e4nden und versprachen sich, nie auseinanderzugehen.<\/p>\n<p>Eines Nachts nahm sie den alten Mann wieder einmal mit auf eine Reise in ein sch\u00f6nes Land an einem weiten Meer, wo die Sonne schien und sie gl\u00fccklich waren.<\/p>\n<p>\u2026 und dieses Mal blieb der alte Mann dort.<\/p>\n<p>Meldung im Stadtanzeiger: &#8220; Gestern wurde die Leiche eines \u00e4lteren Mannes gefunden. Er musste schon l\u00e4nger dort gelegen haben, denn die Nachbarn lie\u00dfen die Wohnung erst \u00f6ffnen, als ihnen starker Verwesungsgeruch aufgefallen war.<\/p>\n<p>In der Wohnung fand man den Abendtisch \u2013 gedeckt f\u00fcr Zwei. Er war festlich geschm\u00fcckt, mit Kerzen und gutem Wein. Weiterhin wurden hunderte\u00a0\u00a0&#8211; teils jahrzehntealte teils neue \u2013 Reiseprospekte von Israel gefunden. Und Zeichnungen gab es. Ungelenk und amateurhaft, immer das gleiche Motiv: Das Gesicht einer dunkelhaarigen Frau. Mit schwarzen traurigen Augen und einem zarten, kleinen, zitternden L\u00e4cheln.&#8220;<\/p>\n<p>(C) Andreas Franke<\/p>\n<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=338\" data-text=\"Eine Liebe\" data-count=\"horizontal\">Tweet<\/a><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 0;float:none;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=338\" send=\"false\" layout=\"like\" width=\"450\" show_faces=\"true\" font=\"arial\" action=\"\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ShareEs war kalt und die eisige K\u00e4lte kroch durch jede Ritze ihrer Uniformen. Das Warschauer Ghetto sollte aufgel\u00f6st werden. Der Befehl sorgte f\u00fcr schlechte Stimmung unter den Soldaten. 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