{"id":313,"date":"2018-05-24T09:55:26","date_gmt":"2018-05-24T08:55:26","guid":{"rendered":"http:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=313"},"modified":"2018-05-24T10:00:18","modified_gmt":"2018-05-24T09:00:18","slug":"heimkehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=313","title":{"rendered":"Heimkehr"},"content":{"rendered":"<div id=\"fb_share_1\" style=\"float: right; margin-left: 10px;\"><a name=\"fb_share\" type=\"box_count\" share_url=\"https:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=313\" href=\"http:\/\/www.facebook.com\/sharer.php\">Share<\/a><\/div><div><script src=\"http:\/\/static.ak.fbcdn.net\/connect.php\/js\/FB.Share\" type=\"text\/javascript\"><\/script><\/div><p>Heimkehr!<\/p>\n<p>Regen! Seitdem der Alptraum Wirklichkeit geworden war, regnete es. Anders als vorher. An jenem Tag wurde der Regen schwarz.<\/p>\n<p>Als der Mann W. erreicht, wundert er sich. Nahezu alles ist wie damals. Auf dem Parkplatz vorm Supermarkt tanzt eine Windhose ihre pfeifende K\u00fcr, dreht Pirouetten, verneigt sich vor leeren R\u00e4ngen und vereinigt sich mit Papierfetzen, Exkrementen und Tierkadavern zu einer wirbelnden Polka. Die Eingangst\u00fcr der Eisdiele schl\u00e4gt auf und zu, so als wolle sie ihn hereinwinken.<\/p>\n<p>Erinnerungen an Sonne und Erdbeereis, Mofatreff und Kontakthof pickeliger Teens. Vorbei &#8230; am Kindergarten, der sp\u00e4ter auch Jugendtreff war. Erste Eroberungen, R\u00e4usche und Niederlagen. Damals wohnte der Geruch der Begierde und Wollust unter den Str\u00e4uchern und B\u00e4umen die den &#8222;S\u00fcndenpfuhl&#8220; von der Stra\u00dfe trennten.<\/p>\n<p>Heute giert nur der eisige Wind nach den letzten Bl\u00e4ttern entlaubter B\u00e4ume. Morgend\u00e4mmerung und Nebel, der wie ein Wattebausch langsam hinauf ins Zwielicht gezogen wird. Der Blick wird frei auf farblose Wirklichkeit und bunte Erinnerung. Jeder Schritt vorw\u00e4rts ist auch einer zur\u00fcck in der Zeit.<\/p>\n<p>Der Mann hasste die Morgend\u00e4mmerung. Diese Spanne, in der die Nacht dem aufkommenden Tag weichen muss. Alptraumzeit! Grau-enhaft. Er liebte die Nacht! Schon immer geh\u00f6rte er dieser anderen Welt an. Als Kind schm\u00f6kerte der Mann nachts heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke in B\u00fcchern, um dann tags\u00fcber die Augen zu schlie\u00dfen und seine Tr\u00e4ume zu leben.<\/p>\n<p>Dunkelheit bedeutete f\u00fcr ihn die Festung der Sinnlichkeit \u2013 des Schwebens. Nachts erwachten Vampire aus ihren Tagtr\u00e4umen, um sie in der Welt des k\u00fcnstlichen Lichts mit Leben vollzusaugen. Wenn die Korrektheit zu Bett ging, stieg Atlantis aus den Fluten des Vergessens und seine Gassen und Pl\u00e4tze f\u00fcllten sich mit Tr\u00e4umern, Gnomen, Feen, Verlierern und Helden. Sex, Drugs and Rock`n Roll in der Interzone.<\/p>\n<p>Das Grau der D\u00e4mmerung, ger\u00e4usch- und farblos wie der Tod, beendete den Spuk. Die Kreaturen der Nacht fl\u00fcchteten in ihre H\u00f6hlen und die Welt des Geldes, der Macht, der grauen Anz\u00fcge und der Vernunft begrub Atlantis unter den Wellen aus Pflicht und Gehorsam.<\/p>\n<p>Seit der Alptraum Wirklichkeit geworden war, gab es keine Tr\u00e4ume mehr, keine Farben, keine Vernunft und kein Geld. D\u00e4mmerung, Tod und Stille halten die Welt in ihrer eisigen Umklammerung.<\/p>\n<p>Langsam, schlurfenden Schritts erreicht der Mann die Trabantenstadt. Achtzehn Jahre, sein halbes Leben zwischen eiligst hochgezogenen Betonsilos.<\/p>\n<p>Wirtschaftswunder, die Eisenh\u00fctte in H. brauchte Frischfleisch, lebenden Brennstoff um ihn im Stahl- und Walzwerk oder im Hochofen zu verheizen. Jeweils vierundzwanzig Streichh\u00f6lzer mit Familie in sechsst\u00f6ckigen Streichholzschachteln. Feuer f\u00fcr die dicken Zigarren der Industriebarone. Hier also \u00fcberlebte er seine Kindheit, bis er soviel Geld verdiente, um sich aus seinem Kellerloch in andere L\u00f6cher zu fliehen.<\/p>\n<p>Der Blick des Mannes der einmal Kind war, wandert \u00fcber die Schemen, die sich einf\u00e4ltig vor ihm erheben. Gardienen wehen aus fensterlosen, schwarzen H\u00f6hlen. Kalt l\u00e4uft ihm der Schwei\u00df \u00fcber den gekr\u00fcmmten R\u00fccken. Er sp\u00fcrt die Blicke aus tausend toten Augen in schwarzen H\u00f6hlen hinter wehenden Gardienen. Nun betritt der Heimgekehrte sein Haus. Der Aufzug funktioniert nicht.<\/p>\n<p>Als der Alptraum Wirklichkeit geworden war, verstummten Radios, Fernseher, Polizeisirenen. Alle Autos, Gl\u00fchbirnen, Beatmungsger\u00e4te und Telefone verga\u00dfen ihren Auftrag. Alle Computer, Faxe, E- Gitarren versagten und alle Aufz\u00fcge verloren den Sinn ihrer Bestimmung.<\/p>\n<p>Stufe um Stufe n\u00e4hert er sich der alten Wohnung. Vorbei an offenen T\u00fcren und zerst\u00f6rten M\u00f6beln in den vierten Stock. Zuerst sieht er den Hund. Er liegt im Eingang.<\/p>\n<p>Immer, wenn er zu Besuch kam stand er bellend am Aufzug, wedelte mit dem Schwanz und bekam fast eine Herzattacke vor Freude.<\/p>\n<p>&#8222;Auch heute begr\u00fc\u00dft du mich zuerst Alter&#8220;, sagt der Mann und beugt sich hinunter, f\u00e4hrt langsam mit seinen nagellosen Fingern durch stumpfes Fell. Der Hund l\u00e4chelt sein totes L\u00e4cheln, mit heraush\u00e4ngender Zunge und gelben Z\u00e4hnen blickt er gebrochenen Auges in seinen Hundehimmel. &#8222;In welcher Welt hast du deine Erl\u00f6sung gefunden?&#8220; Der Mann setzt sich neben den Kadaver. Mechanisch streicheln seine H\u00e4nde immer wieder \u00fcber den leblosen K\u00f6rper, bis er sich m\u00fcde erhebt um seine letzte Pilgerfahrt fortzusetzen.<\/p>\n<p>Als der Alptraum Wirklichkeit geworden war, fielen ihm zuerst die Haare aus, dann folgten, einer nach dem anderen, die Finger- und Fu\u00dfn\u00e4gel. Seine Haut l\u00f6ste sich vom Fleisch und Z\u00e4hne flohen seinem &#8222;strahlenden&#8220; K\u00f6rper. Er hatte dieses &#8222;live fast, die young&#8220;-Gef\u00fchl sosehr verinnerlicht, dass er immer schon mit dem Wissen um einen fr\u00fchen Tod gelebt hatte.<\/p>\n<p>Nie konnte er den Hals vollkriegen. Immer war er der Erste, der die B\u00fchne der Nacht betrat und der Letzte der sie verlie\u00df. Seine Ahnung hatte sich bewahrheitet, er w\u00fcrde seinen Siebenunddrei\u00dfigsten nicht mehr erleben. Wer h\u00e4tte auch mit ihm feiern sollen? Keiner war mehr da.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen alle in den Keller gefl\u00fcchtet sein, als es losbrach. Ohne Eile macht der Mann sich auf den Abstieg. Je n\u00e4her er seinem Ziel kommt, umso st\u00e4rker wird der Gestank. \u00dcberall wimmeln Ratten. Gro\u00dfe, struppige Gesellen, die \u00fcber Nacht ins Schlaraffenland gebeamt worden waren.<\/p>\n<p>Im Erdgescho\u00df ist der Gestank so unertr\u00e4glich, dass der kranke Mann auf den weiteren Weg verzichtet. Von zu Vielen schon hatte er in den &#8222;letzten Tagen&#8220; Abschied nehmen m\u00fcssen und keiner konnte seinen Gru\u00df erwidern.<\/p>\n<p>&#8222;Seit drei Tagen spucke ich Blut\u201c, sagt der Heimkehrer laut, &#8222;genau so lange, wie ich f\u00fcr den Weg nach W. ben\u00f6tigte!&#8220; Seine eitrigen Augen blicken hin\u00fcber nach H., der Hauptstadt, deren Bauten sich dort hinten auf dem Berg dunkel gegen den &#8222;strahlenden Himmel&#8220; abzeichnen.<\/p>\n<p>&#8222;Bevor der Alptraum Wirklichkeit wurde, hatte ich dort in H. einen Sohn. Ich habe ihn schon lange nicht mehr besucht \u2013 verdammt lange nicht.&#8220;, denkt sich der Sterbende und der Mann, der einmal Vater war, beginnt zu lachen. Erst leise, fast stumm, dann lauter und immer lauter ergie\u00dft sich dieses Lachen aus seiner Kehle, bis es in einem nie enden wollenden Schrei untergeht, der ungeh\u00f6rt, nie ausgesto\u00dfen im Zwielicht der Zeitlosigkeit unsterblich wird.<\/p>\n<p>\u00a9 Andreas Franke 2018<\/p>\n<a href=\"http:\/\/twitter.com\/share\" class=\"twitter-share-button\" data-url=\"https:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=313\" data-text=\"Heimkehr\" data-count=\"horizontal\">Tweet<\/a><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 0;float:none;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/worte-wie-wogen.de\/?p=313\" send=\"false\" layout=\"like\" width=\"450\" show_faces=\"true\" font=\"arial\" action=\"\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ShareHeimkehr! Regen! Seitdem der Alptraum Wirklichkeit geworden war, regnete es. Anders als vorher. An jenem Tag wurde der Regen schwarz. 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